Der Bibliothekar von Brabbel
Januar 19th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Keiner hatte es mir zugetraut, und deshalb war ich auch so übermäßig froh, dann trotz allem doch noch ein Buch veröffentlicht zu haben … und dann? Dann stirbt mein Vater! Wenige Wochen vor der Veröffentlichung meines Erstlings. Als dieses Sorgenkind meines Geistes endlich das Licht der Welt erblickt, ist es eine Waise. Mein Vater ist tot, meine Mutter ein Pflegefall, vollkommen weggetreten. Sie erkennt mich nicht einmal mehr, lallt nur noch fröhlich bei meinem Anblick. Als gelte es, die Absurdität meines Lebens auf die Spitze zu treiben: Meine Mutter hält heute MICH für IHRE Mutter! Weißt du, was das bedeutet? Georg? Diese ganze Scheißarbeit, diese Schinderei, das Schreiben … jahreslanges Kritzeln in Kladden, das Ankämpfen gegen den Sog des Nichts, der schwachköpfige Trotz, das Durchhalten, das sich Aufschwingen auf den einflügeligen Pegasus – das hätte ich mir alles SCHENKEN können! Diese ganze ungeheure Zeitvergeudung! Die Gehirne, für die ich diesen Rotz geschrieben habe, sind tot. Niemand wird meinen Roman mehr lesen. Verstummt sind die Zungen, die meine Welt in eine Anklagebank verwandelt haben, die mich unbarmherzig von klein auf in den Status des ewig Verdächtigen peitschten. Was bleibt, sind böse Erinnerungen. Alles für die Katz. Es ist zum Heulen! Endlich habe ich einen Verlag aufgetrieben, der sagt: „Ja, wir riskieren es, wir bringen einen total unbekannten Schriftsteller heraus, noch dazu so einen alten, einen Spätzünder, das ist uns egal. Wir glauben an diesen Text.“ Wie viele Jahre habe ich mich abgemüht, um endlich einen Verlag zu finden, der für meine Vision von Literatur empfänglich wäre! Der bereit wäre, ein kleines bisschen Vertrauen in mich zu investieren! Ich stand schon auf der Brücke, über dem eisig rauschenden schwarzen Wasser der Isar, und ich sprach zu mir selbst: „Lass gut sein, Bob. Es ist einfach nicht vorgesehen … du bist ein Webfehler im Teppich dieser Welt.“ Wie ironisch! Als wäre das eine Beschwörung gewesen, die berühmte Nacht am Kreuzweg inklusive Seelenhandel, schickt mir am nächsten Morgen eine mir völlig unbekannte Literaturagentin aus dem Sauerland eine Mail. Aus dem Blauen heraus. Sie sei vom WURSTHANS VERLAG beauftragt, aufstrebende, vielversprechende Talente aufzuspüren usw. Ob ich nicht ein Manuskript in der Schublade hätte, wie alle anderen Blogschreiber auch? Und ich halte das alles aus, diesen Lektor, den sie mir an die Seite gestellt haben, diesen eitlen, halbschwachsinnigen, ständig besoffenen oder was-weiß-ich-wie durchgedrehten Vollidioten, der sich weigert, ans Telefon zu gehen, weil er der Meinung ist, er lispele … dabei LISPELT er nicht einmal! Er ist einfach besoffen, ein Idiot, ein Psychopath! Sag mir eines, Georg: Ist eigentlich der ganze Kulturbetrieb eine einzige Psychopathenveranstaltung? Das frage ich mich, am Ende eines solchen mit dem eigenen Lektor verbrachten Tages. Wochenlang dringe ich auf ein Treffen, weil seine Vorschläge für die Umarbeitung meines Romans immer abstruser werden – meine Haare sträuben sich, die Fußnägel klappen mir hoch. Ich frage mich: Was ist denn nur mit diesem Typen los? Seine E-Mails kommen immer mitten in der Nacht bei mir an. Immer nach Mitternacht gesendet. Endlich gibt’s dann doch ein Treffen in Nürnberg, wohin ich extra angereist bin, an einem düsteren Tag im ICE. Im kühlen Regen schleichen wir unter Kirchen herum, die im Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht worden waren. Er zeigt mir das Standbild von Albrecht Dürer und Wurstbratereien von innen und den Blick auf Nürnberg von oben, von der Stadtmauer aus, und er redet und redet und redet im kalten Regen. Schön, sage ich, schön, alles wunderbar, aber wir müssten dann mal langsam über den Roman sprechen, weil dann ja irgendwann auch mein Zug zurück nach München fährt … Und er hat die ganze Zeit in dieser Wurstbraterei so leise gesprochen, dass er für mich kaum zu verstehen war, mit der Entschuldigung, dass er dann nicht so lispele, wenn er leise spreche. Auch da noch, als ich ja genau hörte, dass seine Aussprache völlig korrekt war, kam er mir in einer Tour mit seinem Lispeln. Georg, ich habe noch nie jemanden getroffen, der so begierig darauf war, eine Behinderung zu haben, und dann noch im Mundbereich! Er sagte mir, er habe alles ausprobiert, Logopädie, jede verfügbare Therapieform, aber es habe alles nichts genützt. Was konnte ich denn tun? Er sei ein Geschlagener, sagte er, ein Gezeichneter. Eine verlorene Seele. Und ich: Ja, aber, bitte, können wir nicht kurz über das Manuskript … zum Verrücktwerden! Alles.