Schließfach 1776

Januar 19th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

- Es fing alles mit diesem Ding hier an …
- Wow. Ein iPhone 4!
- „Wow“? Dieses Höllending hat mich bis zum Hals in die Scheiße geritten!
- Mann, ich würd alles dafür geben. Ein iPhone 4! Ich würd meine Seele dafür …
- RED NICHT SO EINEN SCHEISS! Ich HAB meine Seele dafür gegeben, Georg!
- Was? Deine Seele? Das ist ja geradezu ein Schnäppchen! Welche Apps hast du denn da install …
Attila Berg packte Georg am Kragen und rammte ihn gegen die gekachelte Wand, direkt heben dem Papierhandtuchspender.
- Jetzt hör mir mal zu, zischte er, und das beseligte Lächeln schwand aus Georgs Gesicht. Hör mir GENAU zu! Als ich dieses Superding im Café eingesteckt habe, fing mein Leben an, auseinander zu bröckeln! Und seitdem renne ich um mein Leben!
Georg runzelte die Stirn.
- Was ist denn passiert? Ein iPhone 4? Ich verstehe kein Wort, Attila!
Attila Berg ließ ihn los. Er richtete den Kragen des jungen Mannes, dann klopfte er seine eigenen Hosenbeine glatt und hüstelte verlegen.
- Pass auf, murmelte er. Das wollte ich dir ja gerade erzählen, als du mit dieser Scheiße anfingst! Von wegen: meine Seele verkaufen.
Georg hob entschuldigend die Hände, aber Attila winkte ab:
- Was passiert ist, war dies: Ich bekam auf diesem Gerät einen Anruf. Nummer unterdrückt. Ich ging dran. Und das hätte ich mal lieber gelassen.
- Wieso? Wer war’s denn?
Georg hockte sich auf das langgestreckte Porzellan der Wachbeckenfront. Attila Berg richtete seinen Blick auf den gespiegelten Rücken seines Gegenübers.
- Von vorn. Als ich ins „Livorno“ kam, lag auf dem Platz, auf den ich mich jeden Morgen setze, dieses iPhone. Ich wollte es gerade nach vorne zum Tresen tragen, da fing es an zu läuten. Und weißt du, wie es geläutet hat? Mit Annas Stimme! Meine Tochter sagte, als Klingelton auf diesem iPhone: „Geh ran, Papa, geh doch ran!“ Immer wieder, bis ich schließlich dran ging. Es war wirklich Anna. Sie sagte, sie sei auf dem Schulweg gekidnappt worden, von ein paar Männern, und sie habe Angst. Dann hatte ich einen Mann namens Carlo in der Leitung. Er sagte mir, ich solle zum Bahnhof gehen, wenn ich mehr von meiner Tochter wiedersehen wolle als ihren kleinen Zeh. Ich solle mich zum Schließfach 1776 begeben. Dort bekäme ich weitere Instruktionen. Ich hätte 17 Minuten Zeit.
Georg stieß einen Pfiff aus.
- 17 Minuten … Wahnsinn!
Attila Berg quollen die Augen aus dem Kopf:
- „17 Minuten, Wahnsinn“? Was soll denn diese Bemerkung wieder? Hast du sie noch alle, Mann?
- Sorry, nein, ich wollte doch nur …
In diesem Augenblick kam durch die weiße Tür, die in den Raum mit den Toilettenkabinen führte, ein Mann. Er zog sich den Reißverschluss hoch, blieb stehen und grinste Georg und Attila fröhlich an.
- Das hat jetzt gut getan, sagte er.
- Du verpisst dich mal lieber!
- Hab ich doch grad getan, gab der Mann mit einem Grinsen zurück.
Attila Berg fand die Replik nicht witzig. Er peitschte dem Kerl kommentarlos den Handrücken ins Gesicht, packte ihn und schleuderte ihn Richtung Tür.
- Raus, kommandierte er grob.
- Ich wollt aber doch noch meine Hände waschen …
- Leck sie halt sauber, du Wichser!
Der Mann verließ mit ängstlichem Blick die Herrentoilette, und Georg fragte:
- Und dann? Als du beim Schließfach 1776 angekommen warst? Was ist dann passiert?

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