Reiner Stoff

Januar 26th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Helmut Frohl ließ ein paar Eiswürfel in den Whiskey klimpern. Es war echtes Eis aus der Arktis, 10.000 Jahre nach seiner Entstehung von Japanern von einem Eisberg gekratzt und in Flaschen abgefüllt. „Das reinste Wasser der Welt“ – und so kostspielig wie alle reinen Dinge. Ein Freund Frohls, der im Institut in Tokio arbeitete, hatte ihm eine Flasche zum 55. Geburtstag geschenkt.
Heb sie gut auf, hatte der Freund gescherzt, dieses Wasser ist wertvoller als Champagner – auch wenn es weniger sprudelt!
Ich werd die Flasche erst zu meiner Pensionierung öffnen, hatte Frohl zurückgescherzt.
Zu dem Zeitpunkt, setzte der Freund noch einen drauf, wird der Arzt dir sowieso alle anderen Getränke verboten haben!
Herzliches Gelächter.
Natürlich hatte Frohl nicht den geringsten Schimmer, dass seine Frau Patty (Patricia) ausgerechnet das Edelwasser benutzt hatte, um den Eiswürfelbehälter im Gefrierfach des Gorenje-Kühlschranks für ihre nächste Proseccosause aufzufüllen. Sonst wäre er wohl kaum so gleichmütig geblieben, als drei Würfel beim Versuch, sie aus der Metallschale zu befreien, ins Waschbecken plumpsten. So ließ er einfach warmes Wasser darüber laufen, denn der Anblick der dicken glitzernden Klumpen auf dem von der polnischen Haushaltshilfe blankpolierten Edelstahl störte ihn.
Wo haben Sie, fragte er Larry Gascoigne lachend, diesen Julian Vandervogel denn nur aufgetrieben? Der Bursche ist köstlich. Besessen wie nur je ein Künstler! Man spürt, wie tragisch ernst er seine Mission nimmt. Was will er eigentlich? Will er sich in die Luft sprengen? Oder will er wirklich die Erde vom Weltall aus betrachten? Ich werde nicht schlau aus Ihrem kleinen Fanatiker.
Larry Gascoigne fand das gar nicht komisch. Sein Magengeschwür schmerzte, er sehnte sich nach einem Bad (oder wenigstens einer Dusche), und zu allem Überfluss hatte er einen entzündeten Pickel am Hintern.
Ich habe ihn nirgendwo aufgetrieben, knurrte er, seine Körpermassen über die Lederpolster des Sofas schiebend, er kam auf mich zu. Er hat im Fernsehen diese Desastershow verfolgt, „Deutschlands Nächster Andy“. Und da kam er irgendwie auf die Idee, mich mit der Promotion seines „Challenger“-Projekts zu betrauen.
Und da kamen Sie auf mich?
Ich dachte mir, auch das Goethe-Institut könnte mal wieder einen Coup gebrauchen.
Das ist leider wahr … nur allzu wahr! Die breite Öffentlichkeit nimmt uns schon seit Jahren nur noch als Schnarchnasenverein wahr, der ab und an Deutschkurse in Kanada organisiert – oder?
Nun ja, es gibt auch Gerüchte über Lesungen von niederbayerischen Autoren in Venezuela. Aber nur vereinzelte.
Helmut Frohl reichte Gascoigne sein Glas und ließ sich, mit einem Stirnrunzeln, neben seinem Gast auf dem braunen Leder nieder. Er klopfte mit der rechten Hand ein Kissen glatt.
Was trauen Sie ihm zu, Larry? Diesem Vandervogel?
Wie Sie sagen: Er ist ein Fanatiker.
Ist das ein Kompliment?
Es ist eine Anlageempfehlung.
Hat er eigentlich gesehen, wie dieser Frau in Ihrer Show der Kopf verschmorte?
Ja, das auch.
Wie hieß die Lady noch?
Stella Arc.
Helmut Frohl grinste: Und der Anblick von Stella Arcs tragischem Tod auf offener Bühne brachte ihn auf die Idee, sich an Sie zu wenden? Sagen Sie – schlafen Sie gut, Larry?
Auch Larry Gascoigne zeigte ein breites Grinsen. Er prostete seinem Gastgeber zu: Touché, Helmut!
Trinken wir auf die Fanatiker, Larry.
Auf ihren Schultern liegt das Schicksal dieser Welt.

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