Sicherheitsschloss
Januar 26th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Julian Vandervogel stand am Tisch des Praktikanten, neben Helmut Frohl. Der Praktikant, ein dünnes Männchen mit dickrandiger Brille und stets herausstehender Zungenspitze, war respektvoll zur Seite getreten. Julian beugte sich vor, bis das gräulich-blaue Licht des Monitors von seinen schockverzerrten Gesichtszügen reflektiert wurde. Er stülpte die Lippen vor.
- Himmel! Was soll denn das sein?
- Das ist der Entwurf, sagte Larry Gascoigne, durch die gläserne Bürotür eintretend. Den hat die Grafikerin uns gerade geschickt. Wie findest du’s?
Julian streifte den Kunsthändler mit einem Blick.
- Der Entwurf für das Plakat?
- Hm, ja.
Julian beugte sich vorsichtig noch einmal näher zum Bildschirm hinab.
- Ist das ein Pimmel aus Eisen, oder was soll das sein? Ich versteh nicht recht …
Helmt Frohl warf sich die rechte Hand hinter den Kopf und begann, seinen Nacken zu kneten. Die Linke ließ er geballt in der Tasche seiner Anzughose. Er kniff seine Augen zusammen und presste die Lippen aufeinander – die Nachahmung einer Kennermiene, als begutachtete er, über Vandervogels Schulter hinweg, unter Aufbietung noch der letzten Expertisereserven die Grafik auf dem Bildschirm.
- Es ist, also, es ist ein Detail des Türverschlusses, sagte er undeutlich. Das ist so ein Sicherheitszapfen, der verhindert, dass die Tür aufgesprengt werden kann, im Falle eines, also, hm, Unfalls.
- Unfall?
Julian sah hoch, doch Larry Gascoigne zuckte nur die Schultern:
- Ein Sicherheitsschloss, halt. Ich weiß doch auch nicht! Das Ding haben Helmut und die Grafikerin irgendwo im Internet ausgegraben.
- Dieses Schloss, also, diese Art von Schlössern, versuchte Frohl sich an einer Rechtfertigung, diese Erfindung spielte eine enorm wichtige, geradezu eine Schlüsselrolle in der Geschichte der Raumfahrt! Eines dieser winzigen, wichtigen Details, die, also, von denen …
- Mag ja sein. Nur ist die Sache halt die, dass noch kein Mensch davon je gehört hat! Julian Vandervogel richtete sich auf und schüttelte den Kopf. Ich halte das für keine gute Idee! Ich halte es, offen gestanden, für das genaue Gegenteil einer guten Idee. Wir wollen eine der größten Kunstaktionen aller Zeiten starten, und dazu bilden wir auf unserem Plakat einen Pimmel aus Eisen ab, der in einem Sicherheitstürschloss steckt? Soll das so eine Art Technoporno-Ästhetik sein, oder was? “Wir penetrieren den Himmel”?
- Das ist, also, sehr polemisch formuliert …
Larry Gascoigne, entspannt an die Wand gelehnt, beobachtete in aller Ruhe den Disput von Vandervogel und Frohl. Er hatte so etwas oft genug mitgemacht. Jetzt hielt er sich mal heraus.
- Polemik hin oder her, rief Julian verzweifelt aus, es ist das, was ich hier sehe, du liebe Scheiße! Das IST ein Porno! Ein Porno aus Stahl!
- Nein, neinneinnein. Hilfesuchend blickte Frohl zu Larry Gascoigne. Ich finde, es hat eine gewisse mechanische, also, künstlerische, also, poetische, mechanische … Kraft. Kraft?
Julian Vandervogel sprang in die Höhe:
- Es ist ein strammer Schwanz, der in eine Stahlfotze gesteckt wird! Eindeutig! Wollt ihr mich verarschen?
Doch auch Larry Gascoigne schien die Sache mittlerweile mit anderen Augen zu sehen. Er kraulte sich das breite Kinn und murmelte:
- Na ja, auf eine verdrehte Art hat es schon etwas …
- Sag ich doch! Die Poesie des Stahls!
Helmut Frohl ließ seinen Nacken los und schnappte sich einen Riegel Kinderschokolade vom Tisch des Praktikanten.
Julian Vandervogel und der Praktikant zeigten jetzt beide den gleichen Gesichtsausdruck: als hätte man ihnen soeben das Ende der Welt angekündigt.
- Bitte!, plärrte der Künstler. Hört auf! Ihr wollt mir doch nicht im Ernst …