Chinarestaurant-Syndrom

Januar 28th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Was auch immer der Preis war, den Larry Gascoigne für seinen Erfolg zahlte – seine Mitarbeiter beteiligten sich an den Kosten. Während ich meinen von Zibetkatzen verdauten 300-Euro-pro-Pfund-Kaffee trank, rotierten die Angestellten von „Gascoigne Galleries“ wie Brummkreisel. Der Boden glühte förmlich unter ihnen. Wenn man ihnen so zusah, konnte man zu dem Schluss kommen, sie müssten noch schnell ihre persönlichen Angelegenheiten in Ordnung bringen, bevor ein Komet die Erde in Myriaden von Schnipseln sprengte – eine Aufregung, die so verständlich wie absurd war. Ich meine, warum noch seine Steuererklärung machen, wenn die Welt untergeht?

Larry genoss jedenfalls nicht zu Unrecht den Ruf einer unterdrückerischen, bedrückenden Persönlichkeit, obwohl er ständig einen auf „Mr. Offenes Gespräch“ machte. Das war reine Show. Davon konnte ich mich an Ort und Stelle mit eigenen Augen überzeugen. Was die Leute in der Galerie in SoHo ausschwitzten, war die pure Angst. Sprunghaftigkeit und Druck – zwischen diesen Zangen warst du eingeklemmt, wenn Larry Gascoigne deine Miete zahlte.
Das erzählte mir bei einer späteren Gelegenheit Tobias, einer von Gascoignes persönlichen Assistenten. Er hatte in diesem Punkt eine ganz klare Meinung. Er sagte, als Mitarbeiter kämen für den Kunsthändler eigentlich nur „kaputte Egos“ in Frage, „menschlich zerstörte, völlig verunsicherte Soziopathen“.
- Alle kuschen vor ihm, weil er hinter seiner leutseligen Maske grausam und arglistig wie eine Schlange ist. Und wenn du aufmüpfig wirst, beißt er dir einfach den Kopf ab!

Da also niemand sich traute, direkt gegen den mächtigen Mann aufzubegehren, brachen die Spannungen an den unmöglichsten Stellen durch. So hatte ein Mitarbeiter der Wiener Dependance beispielsweise einmal abends der Büroputzfrau aufgelauert und sie zusammengeschlagen. Das Opfer war eine zierliche Taiwanesin, die nur wenige Brocken Deutsch resp. Österreichisch sprach. Dass sie tragischerweise ohne Krankenversicherung auskommen musste, war ein Umstand, den Larry Gascoigne in seiner perversen Generosität kurzerhand mit einer Überweisung ausglich. Als Grund für seine Attacke gab der Mitarbeiter, ein gewisser Andi R., 37, an, die Frau habe seinen Schreibtisch immer nur oberflächlich geputzt.

Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit war das Unsinn. Bald darauf unternahm Andi R. einen Selbstmordversuch, der fehlschlug. Er kam in eine Burnout-Klinik, in der morgendliche Spaziergänge zum Genesungsprogramm gehörten. Ganz sicher nicht zum Programm gehörte, dass man während eines solchen Spaziergangs in den See ging, der in Sichtweite der Klinik lag, und sich ertränkte. Aber offenbar war das immer noch besser als die Aussicht, eines Tages wieder für Gascoigne buckeln zu müssen.

Tagged:, , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Chinarestaurant-Syndrom at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.