Streicheleinheiten aus dem Jenseits

Januar 28th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Viele von uns empfangen die Nachricht vom Tod ihres Vaters als grausamen Schlag. Auf andere wirkt sie nur wie eine längst erzählte, ferne Sage. Es ist ihnen, im Zug sitzend oder am Steuer ihres Autos, als blätterten sie noch einmal durch ein Märchenbuch, das sie vor langer, langer Zeit zum letzten Mal in den Händen hielten. Sie wischen etwas Staub von der dunkel vertrauten Darstellung Schneewittchens im gläsernen Sarg und klappen das Buch dann für alle Zeiten zu. Sie fühlen sich etwas einsam, während sie in der Kapelle gegenüber dem Sarg Platz nehmen, ja, ja – doch das ist auch schon alles. Eine Versammlung von Gebilden aus kühler Luft, unter Schatten wandelnd zwischen den schwarzen schmalen Stämmen der Bäume im weißen Land.
Noch einmal möglichst laut seufzen, dann poltert eine letzte Schaufel Erde tragisch und dumpf auf das steifgefrorene Kruzifix, der Geistliche tönt erhaben, Sand und Schnee rieseln mit einem Flüstern an den Wänden des Grabes herab, dann endlich offenbart sich wie aus dem Nichts das erlösende Wort: „Ende“. Noch schnell in die Gastwirtschaft, wo Grog und Schnittchen warten. Heim.

In anderen wiederum gebärdet das Ereignis sich wie ein Querschläger. Ihres Vaters Tod ist eine Kugel, die ein Geistesgestörter auf sie abgefeuert hat, ein Amokläufer mit debilem, breitem Grinsen, dem es nur ums Zerstören geht. „Peng, zack, pfeif, pfuiiii, siiiiiiiiiiiiiii“ – rast die Kugel im wilden Zickzacklauf durch die aus Träumen gestohlenen Palastlandschaften zwischen Hirn und Herz.
Mag sein, man kommt noch einmal so davon. Mag sein, dass die Kugel sich irgendwann verirrt und in einem weichen Wandteppich stecken bleibt, der eine Schlacht zeigt, deren Ausgang über das Schicksal eines Volksstamms entschied …
Nicht unwahrscheinlich aber auch, dass sie einen unversehens, in einem stillen Augenblick doch noch erwischt. Wenn man gerade vergessen hat, an sie zu denken. Wenn man weit unten den Fuß auf eine Treppenstufe setzt, um ins Bett zu gehen. Hinterrücks kommt die Erinnerung, ein dumpfer Aufprall, der einen für lange Zeit niederstreckt.

Bei Larry Gascoigne lagen die Dinge irgendwo zwischen diesen beiden Varianten. Er wusste nicht, dass er seinem Vater etwas nachzutragen gehabt hätte, hatte allerdings auch keine Tränen für ihn. Heimlich, still und leise vollzog sich die Beisetzung. Ein paar Nachbarn, die sich in den letzten Jahren um den alten Adolf Gasmann, den einst so harten Hund, gekümmert hatten, nickten stumm, während sie seinem Sohn die Hand drückten.
Diesem kamen sie vor wie die Gestalten auf den alten Schwarzweißfotografien, die er in einer blechernen Lebkuchenkiste unter dem Bett seines Vaters gefunden hatte.
Dann stand er endlich allein vor dem frostigen Loch im Boden, in das man die Urne gesteckt hatte. Er wollte sich von seinem Vater verabschieden, ein paar gewichtige Worte unter vier Augen. Aber ihm fiel einfach nichts ein, was noch zu sagen gewesen wäre. So murmelte er bloß: „Dann mach’s mal gut“ und trat den Rückweg zum Bahnhof an.
Er wollte zurück nach Berlin, in seine Galerie dort. Und dann kehrte er doch in der „Destille“ ein, deren Namensschild ihn aus der Ferne unbegreiflicherweise anzog.
Er war nie zuvor dort gewesen, da sich in dem Laden nur die Säufer des Ortes versammelten, die Verlorenen, Aussätzigen, von der Geschichte im Stich Gelassenen und vom Glauben Abgefallenen.
Keiner dieser Kategorien hatte er sich bislang zugehörig gefühlt.

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