Apophrades

Januar 31st, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Aschberg war der einzige, der über den Dingen zu stehen schien. Er hatte etwas von einem Ölporträt aus dem 19. Jahrhundert, wie er in seinem fein gebügelten Anzug durch die Galerie stolzierte. Wichtiger als alles andere schien ihm zu sein, dass seine Zigarette nie ausging.
- Aschberg? Ein unglaublicher Idiot, wenn Sie mich fragen, hatte Bob Macha in einer Bar gelästert. Er hat etwas von einem Furz, weil er immerzu aus Larrys Arsch herausgekrochen kommt, in den unerwartetsten Augenblicken! Seinen Lebensstil kann er sich übrigens nur leisten, weil seine Frau ein Modegeschäft hat, in dem die ganze Kunstwelt einkauft. Von seinem Gedichtband „MinoTower/Inside the Labyrinth“ hat er nicht mal die erste Auflage verkauft – seit 1992!
Bobs Ansichten in allen Ehren – ich fand den Dichter irgendwie unterhaltsam. Und sympathisch. Während ich in Gascoignes Welt umringt war von Leuten, die alles daran setzten, als wahnsinnig zu gelten, war Aschberg vollkommen durchgedreht. Wie alle vollkommen Durchgedrehten hielt er sich für den einzig Normalen im Stall. Und wie alle vollkommen Durchgedrehten lag er damit womöglich absolut richtig.
- Lyrik, wissen Sie, Julian, sagte er eines Tages zu mir, Lyrik ist das Härteste. Auch das Schönste, aber auch das Härteste. Lyrik vergibt nicht. In der Prosa können Sie unglaublich viel Schrott schreiben – merkt kein Mensch. Das liest sich so weg. Aber bei einem Gedicht, da kommt man Ihnen sofort drauf, wenn Sie keine Ahnung haben, wovon Sie reden.
- Mag sein, ich bin da wirklich nicht so …
- Das beste Buch, das ich kenne, Julian, wissen Sie, welches das ist? Wittgenstein. Der „Tractatus“. Kennen Sie das? Es gibt kein besseres Buch. Keine Zeile davon ist überflüssig.
- Wie bei einem Gedicht?
- Aber es ist ein Gedicht der Logik! Ich meine, ich huldige ja eher dem Eros der Assoziation. Das ist ganz etwas anderes. Aber vor Wittgenstein ziehe ich den Hut. Was der da geschaffen hat – das müssen Sie erst mal nachmachen!
- Ich werde mich hüten.
- Davon träumt man immer, bei jedem Gedicht, das man hinschreibt. Man sagt sich: So, diesmal fange ich das Sein ein – oder die Welt, oder das System, nennen Sie’s, wie Sie wollen.
- Aber Sie wissen doch auch, dass es allenfalls ein Ausschnitt sein kann, was Sie zu fassen bekommen mit einem Gedicht, oder?
- Natürlich, klar. Bin ja nicht bescheuert.
Er steckte sich eine neue Zigarette an der bis auf den Filter herunter gerauchten alten an.
- Nein, ich meine nur, weil Sie sagten …
- Ja, stimmt ja alles. Und trotzdem. Man hat trotzdem diese aberwitzige Hoffnung. Obwohl man ganz genau weiß, dass sie völlig absurd ist. Man hofft, dass man der Wirklichkeit die Zähne zeigen kann. Oder sogar die Zähne ziehen, wenn’s richtig gut läuft.
- Sie wollen die Wirklichkeit mit Ihren Gedichten bändigen? Darauf läuft’s hinaus?
- Das ist so, als wollte ich einem Tiger mit einem Bindfaden beikommen, stimmt’s?
- Ein bisschen klingt’s danach, ja.

Tagged:, , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Apophrades at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.