Ein Bob aus Fleisch und Blut

Februar 4th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

- Ich komm nicht mehr dazu, wirklich was zu schreiben. Das ist alles … ach!
Bob Macha stützte traurig seine Wange in die Hand. Sein alter Buddy Vandervogel stellte ihm, aus dem Hinterzimmer zurückkehrend, einen Plastikbecher mit Bier vor die Nase. Bob guckte skeptisch. Er verzog sogar ein bisschen die Nase.
- Ist das dein Ernst? Berliner Pils?
- Trink einfach, sagte Vandervogel nur und klopfte seinen schäumenden Plastikbecher gegen Bobs. Hauptsache, die Musik stimmt. Oder? Bier wird doch überbewertet.
- Was ist das eigentlich?
- „That’s The Way Of The World.“ Earth, Wind & Fire. Live 75.
- Ah.
- Nicht schlecht, oder?
- Nein, das ist wirklich …
- Vielmehr: eine super Platte, oder?
Vandervogel grinste, weil Bob immer so verkrampft war. Er wand sich sogar bei einer so simplen Frage!
- Äh, ja.
- Also. Vandervogel drehte den Volume-Regler nach links. Zwei der Kunden im Laden wandten ihre Köpfe herum.
- Was soll das? Dreh „Sun Goddess“ wieder hoch, rief der eine grimmig, ein Typ im ausgemusterten Bundeswehrparka, der sich schon einen fausthohen Stapel Platten zur Seite gelegt hatte. Die wollte er gleich alle probehören.
Der andere schaute nur enttäuscht. Er trug eine schwere schwarze Brille und hatte eine dunkelblaue Mütze tief über die Ohren gezogen, trotz des milden Frühlingswetters, das draußen herrschte. Rasiert hatte er sich zum letzten Mal vor vier Tagen – zu dem Zeitpunkt schien er auch das letzte Mal Nahrung zu sich genommen zu haben.
Die anderen Kunden grasten einfach friedlich weiter in den Plattenregalen, unbekümmert um Wohl und Wehe der Welt.
Vandervogel bedeutete den beiden Unzufriedenen mit einer deutlichen Geste, dass sie sich bitte einen Augenblick gedulden sollten. Und ihn bei der Gelegenheit auch gleich am Arsch lecken könnten, denn das „POP UP“ sei nun mal SEIN Laden:
- Jaja, ich mach’s ja gleich wieder lauter. Jetzt wartet halt mal ne Sekunde! Wir unterhalten uns hier.
- Kann ich dann wenigstens noch nen Kaffee haben, fragte der, der nur geguckt und nichts gesagt hatte, der Ausgezehrte, Unrasierte. Seine Jeans war unterhalb der rechten Tasche aufgerissen, durch ein weiß klaffendes Fadenmaul sah man das Fleisch seines Oberschenkels. Unter seinen Fingernägeln hatte sich der Schmutz von Generationen abgelagert. Er war ein echter Plattenjunkie. Sobald er ein paar Cents in die Finger bekam, trug er sie sofort zu Vandervogel in den Laden, um seine Jazzplattensammlung zu erweitern.
- Klar, erwiderte Vandervogel freundlich. Nimm dir eine Tasse. Wie man die Maschine bedient, dürfte dir ja noch bekannt sein.
Bob Macha hörte den Gesprächen zu und trommelte mit den Fingern einen sanften Rhythmus auf den Tresen. So entspannt hatte er sich seit Wochen nicht gefühlt.
Vandervogel wandte sich ihm wieder zu:
- Also, erzähl. Warum schaust du so bekümmert?
Bob zuckte die Achseln.
- Es ist etwas lächerlich … du wirst mich für total durchgeknallt halten.
- Hast du in der Hinsicht wirklich noch was zu befürchten?, parierte Vandervogel mit einem Grinsen.
- Na ja, was passiert ist, ist: Ich habe den Glauben an die Literatur verloren. Ich kann’s nicht anders ausdrücken. Es ist alles irgendwie … Bob schaute unendlich melancholisch. Weißt du, ich war ja nie so ein Nerd. So ein Textfex. Einer, der schon mit zwölf jeden Tag experimentelle Gedichte geschrieben hat. Für den das Schreiben ein Selbstzweck war. Für mich war die Sprache, Bob hob ein bisschen seine Stimme, immer nur ein Mittel, um die Welt in den Griff zu bekommen. Um eine Haltung zu entwickeln. Ich wollte mich an irgendwas festhalten können. Am Primat des Materiellen aber hatte ich nie den geringsten Zweifel. Aus irgendeinem Grunde hatte ich mein Leben lang einen affenartigen Respekt vor der Welt der Tatsachen. Vor der Welt des So-sieht’s-aus, des Friss-oder-stirb. Wie Bob Dylan sagt: „We live in a political world.“ Um mit dieser politischen Welt klar zu kommen, um dieses Leben überhaupt irgendwie aushalten zu können, hab ich mich in den Glauben geflüchtet – in den Glauben ans geschriebene und gedruckte Wort!
- Und diesen Glauben – den hast du jetzt verloren?
- Er ist plötzlich weg, ja.
- Mit dem Glauben ist es eine schwierige Sache, sagte Vandervogel und nahm einen winzigen Schluck von seinem Bier.
- Weißt du, fuhr Bob nach einer Weile fort, ich habe immer geglaubt, dass ich an irgendetwas glaube. An etwas Höheres, etwas Bedeutendes. Ich habe glauben WOLLEN. An die Kunst. Du weißt schon, dieses ganze erhabene Zeug. Das wahre Leben hinter dem Spiegel. Die Anti-Oberflächlichkeit. Das Nichts-als-die-Wahrheit.
Vandervogel sah ihn nachdenklich an.
- Aber die Wahrheit, sagte Bob, die Wahrheit ist in Wahrheit: Da gibt’s nur eine gewaltige Leere in allem. Das Nichts. Wenn ich heute in mich hineinlausche, dann höre ich – Schweigen. Früher hat mir das Angst gemacht. Ich dachte: „Das darf doch nicht wahr sein, du lieber Gott! Warum meldet sich denn da keiner?“ Heute aber? Empfinde ich die Stille als wohltuend. Es ist, wie es ist. Keine Verrenkungen mehr. Kein So-tun-als-ob. Keine Panik. Da ist einfach nichts. Ich hab meine Karten ausgespielt, und ein Stich war leider nicht dabei.
- Und? Ist doch nicht so schlimm. Wenn nichts da ist, gibt’s auch keinen Grund, sich aufzuregen, stimmt’s nicht? Vandervogel lächelte. Du bist da, hier, am Leben. Das sollte doch erst mal reichen, oder nicht?
Bob guckte skeptisch.
- Nachdem damals diese Sache gründlich in die Hose gegangen war, mein Projekt mit dem Spaceshuttle, das mich ganz, ganz kurz, einen Wimpernschlag lang, zum Weltstar der Kunstszene gemacht hatte – damals hab ich was ganz Ähnliches durchgemacht wie du jetzt. Ich dachte sogar kurz darüber nach, mich vor die U-Bahn zu werfen, so fertig war ich. Alles, was ich gewollt hatte, war zusammengekracht wie ein Kartenhaus! Man sah mich in der Szene nicht mehr mit dem Arsch an. Ich war Gift, ich war toxisch, ich war tabu. Das war furchtbar. Vandervogel schauderte es bei der Erinnerung. Aber dann sagte ich mir: „Hey, was soll’s. Jetzt kannst du dein Leben vielleicht endlich so leben, wie du willst. Ohne alle krampfhaften, zwanghaften Illusionen. Nur du und die Zeit.“ Ich warf den ganzen Kunstkrampf über Bord, und, ehrlich gesagt, Bob: Im Nachhinein war diese Totalpleite das Beste, was mir überhaupt hat passieren können! Jetzt mach ich mein Ding – nicht im Weltmaßstab, ohne explodierende Hohlkörper am Firmament. Aber es ist MEIN Ding! Es ist MEIN Laden. Was will ich auch mit der Welt? Ist doch eh viel zu groß, das Ding!
- Ja. Das hat auch etwas Erlösendes, dieser Verzicht. Bob schüttelte traurig den Kopf. Aber es ist doch schon irgendwie auch … na ja. Ein Verlust?
- Pass auf. Vandervogel patschte dem Kameraden auf die Schulter. Weißt du was? Mach doch einfach nächste Woche eine Lesung hier im „POP UP“, was meinst du?
- Oh, nein!, rief der Parkaträger mit verbissenem Blick. Nicht schon wieder ne Lesung!

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