Gesprächsfetzen

Februar 10th, 2011 § 1 Kommentar

- Das ist schon ein Sonderfall, glaube ich, dass einem das Gefühl für das Land, in dem man lebt, so weggleitet, obwohl man keinen Krieg erlebt hat, keine Krise. Im Gegenteil, immer nur zunehmende Prosperität. Das scheint von allem das Schlimmste zu sein.
- Das setzt Menschen auch unter Stress?
- Die Technikphilosophen, die haben das ja schon immer gesagt. Virilio, McLuhan. Dass wir in uns, in unserem Innern, von den Medien komplett umgemodelt werden, umgedreht. Umgestaltet, höflich formuliert. Und das ist tatsächlich so. Allein dass jeder dauernd alles zu einem Handyfoto machen und herumschicken kann — für mich ist das immer wieder ein Wunder, ich kann mich daran nicht gewöhnen. Und ein Wunder ist nun einmal Stress, weil es eben in keine Normalität hineinpasst. Jedes Mal wird dein ganzes Weltbild durcheinander gehauen!
- Aber die neuen Medien bringen ja auch unendliche Erleichterungen!
- Ja, aber sie bringen auch eine Totalrenovierung des gesamten Haushalts des Lebendigen! Das kannst du ja nicht übersehen. Es ist so, als hätte man dir den Kopf transplantiert. Außerdem, was heißt: Erleichterungen. Ich kann die Tür hinter mir nicht mehr schließen, ist das eine Erleichterung? Dass dauernd jemand anruft oder eine SMS einläuft?
- Man kann doch aber das Handy ausschalten, das Telefon auf stumm stellen und den Computer zugeklappt lassen, wenn man will. Das ist ja kein Zwang!
- Ja, aber allein das Zwinkern! Darüber muss man ja auch mal reden. Wenn ich nach dem Zwinkern gehe, das ich in E-Mails ertragen muss, dann haben die Deutschen in den letzten Jahren unwahrscheinlich zugelegt an ironischer Kompetenz. Das ist im Alltag aber nicht so. Da sind alle genauso humorlos und pflichtversessen wie vor dem Smiley. Wir Deutsche gehen nun einmal auch die innere Haushaltsplanung mit besonderer Gründlichkeit an. Ich kenne viele, die sogar Scherzworte als eine Art Wettbewerb betrachten. Was die Scherzworte natürlich umbringt, klar. Denn der Ernst von Scherzworten ist ja, dass sie absolut unernst sind. Nicht zitierfähig. Keine Aufschreibarbeit.
- Ich versteh jetzt nicht …
- Na, allein, dass man das fixiert! Das gehört sich nicht.
- Früher hat man in den Klos auch schon die Wände vollgeschmiert.
- Ja, aber nur die Feigen.

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