Queraussteiger
März 14th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Nein, nein, nein! Der Intendant machte ein Gesicht, das so gar nicht zu seinem umgänglichen Wesen passen wollte. Aber die Auswahl an Dramaturgen, die man ihm vorgelegt hatte … Er nahm den ganzen Packen und pfefferte die Bewerbungsmappen in eine Ecke seines Büros. So heftig, dass eine Stehlampe wackelte. So geht das nicht!, blaffte er.
Aber was? Der Chefdramaturg präsentierte seine leeren Hände. Ich weiß nicht weiter. Wir haben wirklich in allen überregionalen Zeitungen Anzeigen geschaltet. Wir sind von Theater zu Theater gezogen. Am Ende haben wir sogar bei den theaterwissenschaftlichen Instituten nachgefragt. Wir sind nicht einmal davor zurückgeschreckt, bei der Dramaturgischen Gesellschaft anzuklopfen …
Was? Das habt ihr getan?
Wir haben nichts unversucht gelassen, sagte der Chefdramaturg, und seine fallenden Arme rissen auch seine Schultern mit in die Tiefe.
Ein Moment des Schweigens kehrte ein.
Yeah, brach Bob schließlich das kommunikative Eis. Das stimmt. Ich kann sagen, und Bob stemmte sich aus dem bequemen Sessel auf die Füße, dass Ihre Leute an die Grenzen gegangen sind, Herr Intendant. Da gibt’s kein Vertun. Man kann ihnen keinen Vorwurf machen. Im Gegenteil. Man kann Ihnen nur zu Ihren Mitarbeitern gratulieren. Nicht nur, dass sie künstlerisch die linke Hand jederzeit von der rechten unterschieden können — und ich weiß sehr wohl, dass das kein alltägliches Phänomen ist, denn auch in meiner Branche wimmelt es nur so von Idioten. Nein, Ihre Leute sind überdies hervorragend organisiert, philosophisch auf dem Laufenden und, was ich besonders wichtig finde, sie sind witzige Typen.
Witzige Typen? Meine Mitarbeiter?
Yeah.
Der Intendant sah verwirrt aus.
Witzig. Aha. Das habe ich nicht gewusst.
Bob bewegte sich bereits auf leisen Sohlen in Richtung Tür.
Nun, sagte er, was ich tun konnte, habe ich getan. Ich wünsche Ihnen bei Ihrer weiteren Suche viel Glück. Ich bin sicher, dass Sie früher oder später …
Moment. Der Intendant kam hinter seinem Schreibtisch hervor. Er trug jetzt diesen entschlossenen Gesichtsausdruck zur Schau, den seine Mitarbeiter so liebten. Er umrundete den Chefdramaturgen, knöpfte sein Jackett vor dem Bauchnabel zu, stopfte die Hände in die Hosentaschen seines anthrazitfarbenen Anzugs und nahm breitbeinig Aufstellung. Bob, sagte er, warum werden Sie nicht einfach unser Dramaturg? Er wandte sich an seinen Chefdramaturgen: Ihr zwei habt doch schon hervorragend zusammengearbeitet, wenn ich euch recht verstanden habe?
Der Chefdramaturg grinste.
Klar. Mir wär’s recht.
Ich? Bobs Blicke wanderten von einem Theatermann zum andern. Ich hab doch keine Ahnung von Dramaturgie. Ich bin Marketingexperte und …
Unsinn. Der Intendant köpfte mit der sausenden flachen Hand jeden Widerspruch, der sich im Raum aufhalten mochte. Da arbeiten Sie sich leicht ein. Wenn einer Dramaturg ist, dann Sie, Bob, rief er. Also. Wann können Sie anfangen?
Bob kratzte sich den Nacken.
Tja, ich müsste erst einmal kündigen …
Dann tu das, sagte der Chefdramaturg.