Startup mit Heidegger
März 18th, 2011 § 1 Kommentar
„… dass im Grunde etwa in einem guten Roman in dem ersten Satz, ich will nicht sagen jedes weitere Wort, aber jedenfalls doch die Tendenz, die Konstruktion des Ganzen mehr oder minder angelegt sein muss.“
(Th. W. Adorno, Vorlesungen zur Ästhetik, p. 330)
Ich wollte über Heidegger promovieren, über seine Formulierung vom „Zittern im Dass des Seins“. Diese fünf Worte, eines Abends im Fernsehen aufgeschnappt, hatten mich ungeheuer getroffen, sie hatten mich erschüttert, und während ich bis zur Begegnung mit ihnen aller Philosophie mehr oder minder mit einem müden Lächeln begegnet war, war ich auf einmal Feuer und Flamme, als ich sah, was Worte bewirken konnten. Wie die einen durchschütteln und umkrempeln können.
Die richtigen Worte, meine ich.
Ich hab eigentlich nur, weil Miriam darauf insistierte, von diesem Promotionsvorhaben Abstand genommen.
Du bist kein Wissenschaftler, Attila, hatte sie immer wieder gesagt, du bist einfach kein Wissenschaftler!
Sie legte damit allerdings den Finger ziemlich zielsicher in die Wunde – denn ich traute mir so eine Promotion letzten Endes selbst nicht zu. Ich war immer ein mittelmäßiger Student gewesen, und wenn Begeisterung für das Promotionsvorhaben auch zweifellos da war, blieb doch die grundlegende Skepsis: Bist du der Richtige für so ein Mammutprojekt?
Denn Heidegger, das ist ja ein Titan, das ist ja kein Mittelgewichtsdenker. Das ist ja sozusagen ein Achttausender der Philosophiegeschichte. Den erledigt man nicht so nebenbei.
Auch meine Eltern hatten alles andere als begeistert reagiert, als ich ihnen meine Pläne mitteilte.
Wie, riefen sie unisono aus, noch mal mehrere Jahre studieren? Und dann bist du ein Doktor der Philosophie, was ist das schon? Das ist doch nichts Sicheres, das ist doch eigentlich gar nichts! Sieh doch mal, dein Bruder, der hat einen tollen Job, auch ohne Studium, der bringt jeden Monat 4.000 Euro nach Hause, und ein Kind ist auch schon auf dem Weg!
Weil er es sich leisten könne, setzte meine Mutter noch etwas boshaft hinzu.
Mein Vater sagte, es gehe ihm schlecht, das Herz, das nehme ihn alles sehr mit. Und dann zündete er sich erst mal eine Zigarette an, um sich „abzureagieren“.
Tatsächlich, tja, mein Bruder. Der war das Gegenmodell zu mir. Er führte eine eigene Eventagentur. Mit ein paar Freunden hatte er sie Ende der 90er-Jahre gegründet, als gerade die Startup-Welle durch die IT-Welt lief. Von Anfang an waren ihre Geschäfte super gelaufen. Das Geld lag zu der Zeit ja auf der Straße. Man musste sich nur bücken und es aufheben. Genau das taten mein Bruder und seine Kumpels. Sie spezialisierten sich auf Veranstaltungen für die IT-Branche.
Da hatte mein Bruder wirklich einen Riecher, einen Business-Instinkt. Muss man sagen.
Überhaupt waren mein Bruder und ich uns immer sehr fremd. Schon seit wir ganz klein waren. Wir hassten uns nicht, konnten miteinander aber rein gar nichts anfangen.
Zu allem Überfluss sehen wir uns auch noch erstaunlich ähnlich, er ist halt die drei Jahre jüngere Ausgabe von mir, das ist unverkennbar; sonst könnte man sich Spekulationen darüber hingeben, ob wir den gleichen Vater haben. Aber wir sehen unserem Vater beide extrem ähnlich. Die gleiche Gesichtsform, die gleichen hellen Farben, das gleiche Wilde, Breitgesichtige, Vierschrötige, das auch körperlich Kräftige. Wir könnten alle drei in einer Verfilmung den SEEWOLF von Jack London spielen. Das würde man uns abnehmen, kein Problem.
Heute arbeitet mein Bruder für Siemens und 1&1, für Internetanbieter, Handyhersteller und Softwareriesen. Er baut Leinwände auf, verkabelt die Vortragenden und lässt ein üppiges Pausen-Catering auffahren.
In gewisser Weise beneidete ich meinen Bruder. Wie rund sein Leben lief! Er hatte wirklich so was wie das Erfolgsgen, mit Eigentumswohnung mitten in Schwabing, mit Dachterrasse, mit hübscher Frau und Kind in der Pipeline. Und währenddessen saß ich in einer engen Bude am Rande des Prenzlauer Berges wie in einem Sweatshop und schrieb so unermüdlich wie ermüdet idiotische, peinliche und bestenfalls absurde Texte für Zeitschriften der Lebensmittelbranche, und meine Freundin war in Paris, wo sie ein Praktikum im Vertrieb von Estée Lauder absolvierte — welches wiederum nur über meinen Bruder zustande gekommen war, der den Deutschlandexperten Nummer eins für die Organisation von Fashionshows sehr gut kannte.
reklame. todlangweilige reklame um drei uhr morgens. na ja, aber überall lass ich sie nicht liegen