IMAGE is nothing. TEXT is everything.
April 30th, 2011 § 1 Kommentar
Gut, ja, sagte der Professor und schob die Brille, die seit einigen Tagen schon irgendwie schief auf seiner Nase zu sitzen schien, zurecht, ich habe Ihren Essay mit großer, also, Aufmerksamkeit.
Der Professor hatte seine Hände über dem Text gefaltet, nachdem er mit seiner Brille soweit fertig geworden war, und blickte Bob Macha jetzt freundlich an. Man könnte von einem „aufmunternden Lächeln“ sprechen, und man müsste dazu nur unwesentlich übertreiben.
Gelesen, schloss er seinen Satz ab.
Der Professor hatte graue Haare, wie immer unfrisiert, einen Dreitagebart, blaue, ratlose Augen, einen etwas zu breiten Mund, der durch Furchen in Richtung Kinn noch verlängert wurde, und eine einzige Stirnfalte, die sich knapp oberhalb der buschigen Brauen über die ganze Breite des Schädels zog, wie eine Narbe.
Der Professor schwieg. Er trug eine braune Lederjacke, und der Denker, den er am meisten von allen bewunderte, war Jacques Derrida.
Bob wischte sich mit der Handfläche über Nase, Mund und Kinn. « Den Rest dieses Eintrags lesen »
16,90 EUR
April 30th, 2011 § 1 Kommentar
Die HOHLKÖRPER, zu Recht mit allgemeiner Missachtung bestraft (und dieses Schicksal sich brüderlich teilend mit 99,99 Prozent aller anderen Neuerscheinungen dieser Welt), wurden neulich von einem mir gänzlich unbekannten Leser mit dem Werk eines gewissen Beigbeder verglichen. Da dies in für mich vorteilhafter Weise geschah, machte ich mir die Mühe, nach besagtem Autor mal zu googlen; offenbar hat Frédéric B. vor einigen Jahren einen succès de scandale mit einem Enthüllungsbuch über die Werbebranche gelandet. Er war selber zehn Jahre lang (sic!) Top-Werber, dann schiss er seinen Chefs den Roman 99 FRANCS auf den Tisch und lebt seitdem als Kritiker und Schriftsteller in Paris.
Wie öde, wie amerikanisch! Happy End … zum Kotzen!
Sie ahnen, dass mir nichts weniger am Herzen liegt, als über die Werbebranche aufzuklären. « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Mal langsam so heran tatatatatasten
April 28th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Höchste Zeit, dass ihnen endlich mal einer einen Text widmet. Den Tasten. So wie Thomas Carlyle mit seinem SARTOR RESARTUS dem Thema Kleidung einen Roman widmete. Heute wird ja über gar nichts anderes als Kleidung mehr geschrieben. Sogar der Pop-Rebell Rolf Dieter Brinkmann schrieb ein Buch mit dem Titel ROM, BLICKE. Später sogar: SCHNITTE. Apotheose der Mode. Rom, Stadt der feinen Schnitte, der hochklassigen Schneider, da guckt man. Aber die Tasten? Ich meine nicht die Tasten Ihres Klaviers. Darüber schreiben Sie mal bitte selbst einen Text. Das ist mir zu lyrisch, zu viel Schumann, Liszt, Oktave, Quinte, Terz. Ich rede natürlich von den Tasten unserer Tippmaschinen. « Den Rest dieses Eintrags lesen »
me, meme
April 28th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Meine Frau und ich, in Straßburg, vor einem Restaurant. Ein Fluss nahebei, die Ill, Enten watscheln pickend an ihrem Ufer herum. Bei einer Restaurantterrasse fällt ja immer etwas ab. Wir wollen zu Abend essen. Dazu einen Wein? Ich bestelle einen weißen. Der Kellner, ein dicker, schwerfälliger, großer Mann mit weißen Haaren und schwarzer Weste, macht meine Bestellung nach. Er parodiert meinen Akzent: „Öng veng blonk“, so in der Art. Ich sitze da, geschockt, nachdem er abgegangen ist. « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Idiotenströme
April 27th, 2011 § 2 Kommentare
Philosophie – das Wort setzt sich bekanntlich aus den altgriechischen Wörtern „Freund“ („philos“) und „Weisheit“ („sophia“) zusammen. Man könnte das interpretieren als: „Freund der Weisheit“ – das passte zum landläufigen Verständnis des Philosophen als des Thekendenkers, der in sich eine Abgespanntheit gezüchtet hat, die alles und jedes schluckt und am Ende nur ein: „Na, so geht’s dahin, sic transit mundi“ rausrülpst. Die andere Interpretation geht von einem Gedanken aus, den Paul Valéry formuliert hat: „Allein ist ein Mensch immer in schlechter Gesellschaft.“ « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Kann keiner Friege etwas zu Leide tun
April 26th, 2011 § 1 Kommentar
Er erschrak vor sich selbst, als ihm klar wurde, wie viel Zeit er auf eine einzige lumpige Schlagzeile verschwendet hatte. Er schaute auf das Ziffernblatt auf seinem Handy – und traute seinen Augen nicht: War denn wirklich schon Ostern vorbei? Aber er hatte doch eben erst von Nettie Moore dieses Schoko-Ei … schnell legte er die ovale Süßware wieder auf seinen Schreibtisch, den dünnen Schimmelpelz zwischen seinen Fingern zerreibend.
Was war denn passiert?
Er las die Schlagzeile noch einmal, die er sich abgerungen hatte: KANN KEINER FRIEGE ETWAS ZU LEIDE TUN.
Hä? « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Lust, Frust und Proust
April 23rd, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Er wollte selber etwas schreiben, ein paar Zeilen nur, vielleicht einen Chanson, den Eduard dann vertonen könnte, wenn er wieder in Trier war, aber als er auf Zehenspitzen durch den dunkelnden Flur ging, um sich Papier zu holen, stand plötzlich seine Mutter vor ihm, eine weiße Erscheinung, den Zeigefinger auf die Lippen geheftet. Sie zog ihn durch die Doppelschiebetür ins Wohnzimmer und drückte vorsichtig die Türhälften zusammen.
- Darf man mal fragen, was du da machst, fauchte sie ohne Stimme.
- Ich wollte mir nur Papier holen …
- Dein Vater arbeitet oben, das habe ich euch doch gesagt!
Pauls Bruder, Jean, saß in seinem Zimmer, den Kopfhörer aufgespannt, und wiegte seinen Kopf zu Sibelius.
- Ich weiß, sagte Paul, ich wollte ja auch nur ganz leise … « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Ratten des Weltgeists
April 23rd, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Ursprünglich sollte das Ganze ein Dialog werden. Ich schreibe etwas, Sie antworten, daraufhin entgegne ich wieder etwas. Zuerst einmal ginge es vermutlich gar nicht so sehr um das WAS, im Vordergründ stünde das DASS. Dass man es überhaupt mal versucht. Dass man sich nicht immer gleich einschüchtern lässt von den Usancen des Betriebs. Wir hätten das Buch, dieses Mega- und Metamedium, ja gar nicht dekonstruieren müssen; denn das Buch ist am Ende. Es hat sich selbst dekonstruiert. Sei es die Gattung des Romans, sei es ein philosophischer Mastertext — es hat schlicht keinen Sinn mehr, so zu tun, als präsentierte man eine Einheit, ein definitives Werk, eine Abgeschlossenheit und Totalität. Heute spielt der Teil die Hauptrolle. « Den Rest dieses Eintrags lesen »
Ein letztes Mal nur
April 22nd, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Das Bedürfnis nach Gefühl war da, natürlich. Aber die Räume gab es nicht, in denen ein aufrichtiges Gefühl sich hätte einnisten können, oder ein Gedanke. Emotional lebte er aus dem Koffer. Er wusste zwar, er hatte geliebt. Aber. Was ihn innerlich zusammenhielt, waren Punkte. Kommata schon waren ein Luxus, ein Fest. Mit ihnen konnte man kaum rechnen. In ihm schien alles versperrt, eingeengt, zugemüllt mit Erinnerungen. Als hätte jemand die Festplatte seines Herzens mit einem Virus beschädigt. « Den Rest dieses Eintrags lesen »