Anti-Einstein aus der Edda

April 5th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Eil-Auftrag: Wir sollten einen knapp 20-minütigen Film machen über Hanns Hörbigers Welt-Eis-Theorie. Plötzlich, über Nacht, war das lang erwartete „Go!“ von unserem Auftraggeber gekommen, und dann musste alles wahnsinnig schnell gehen. Das grüne Licht war für uns insofern ein Segen, als wir unverantwortlich hohe Summen von dctp (Development Comany for Television Program) als Vorschuss schon eingesteckt hatten – und gleich wieder ausgegeben. Für lauter Bullshit, natürlich.
Der verantwortliche Redakteur auf unserer Seite war Roland Kühl. Roland hatte das Projekt entwickelt, angeschoben und mit unermüdlichem intellektuellen Input und Aplomb zur Marktreife gebracht.
Allerdings steckte Roland ausgerechnet jetzt im ICE, und der ICE steckte auf einem Streckenabschnitt irgendwo in der Eifel fest. Das Kommunikationsnetz um ihn herum war zusammengebrochen, Abstimmungen waren deshalb nicht möglich. Schuld an dieser Krise war der massive Wintereinbruch an der Jahreswende zu 2011. Nun, Massivität hin oder her – erstaunlicherweise rechnete die Deutsche Bahn in jenem Winter, anders als sämtliche Meteorologen, nicht mit Eis und Schnee. Das tut sie nie. Ihre prognostischen Möglichkeiten scheinen unfassbar limitiert zu sein.
Überfordert waren auch wir. Denn Roland war der einzige, der Hanns Hörbigers obskures und krudes 1.000-Seiten-Opus je gelesen hatte. Ohne ihn ging’s darum nicht.
Wir hatten in Windeseile ein geheiztes Zelt aufstellen lassen, in dem wir Kameras und Kulissen einrichteten. Hochkarätige Interviewpartner aus der akademischen und der Glamourwelt klapperten in der Kantine mit ihren Plastikbechern. Schauspieler von den besten Bühnen des Landes saßen in improvisierten Garderoben und probten Gähnen und Füßehochlegen.
Ein Desaster. Jede vertickende Minute kostete uns Tausende von Euros. Das Geschäftsmodell von blogozentriker.tv stand wieder einmal vor dem Aus.
Mein Herz begann zu rasen, wenn ich die Kartons mit den Skripten sah, die sich im Flur stauten. Allein die Copyshopkosten brachen uns das Genick.
Einen Helikopter einzusetzen, um Roland aus seinem unfreiwilligen Übergangsexil zu befreien, kam auch nicht in Frage. Dafür war das Schneetreiben zu wild, tobten die Stürme zu heftig. Was uns in diesem Augenblick am allerwenigsten weitergeholfen hätte, war ein toter Roland Kühl im Wrack eines Hubschraubers. Mit ihm stürbe auch die letzte Hoffnung, unser Unternehmen zu retten.
Ich begab mich in die eingerichteten Notredaktionsräume, den sogenannten „Bunker“. Das Nervenzentrum unseres Magazins, sozusagen. Redaktionelle Rettungspläne liefen auf Hochtouren. Praktikanten sprangen hin und her und verteilten Kaffeebecher. Nettie sah aus, als bekäme sie gleich einen Herzkasper. Ich bat sie, sie möge sich doch hinlegen, aber sie erwiderte, sie wolle das hier mit uns durchstehen.
Alle oder keiner, sagte sie und bleckte ihr Gebiss.
Ich schüttelte nur den Kopf. Gute alte Nettie Moore! Ich nahm sie stumm in den Arm. Beinahe wären mir die Tränen aus den Augen geschossen wie Sturzbäche. Da der demoralisierende Effekt eines solchen Zusammenbruchs jedoch verheerend gewesen wäre, riss ich mich zusammen, grinste, hüstelte und legte ein Tänzchen aufs Parkett.
Dann fragte ich das Team, wie weit wir wären.
Hektische Wikipedia-Recherchen hatten in etwa Folgendes erbracht über Hörbigers seinerzeit beim Führer erstaunlich populären Ansatz: Nicht der Affe steht am Anfang unseres Kosmos, der jüdische Affe mit der zu langen Nase, den glatt geriebenen Händen und viel zu viel Interesse an Quantentheorie und ähnlichen schwarzmagischen Praktiken. Sondern in Zeiten, von denen überhaupt nur eine schwerwiegende Überlieferung wie die Edda Kunde zu geben vermag, erfolgte eine Befruchtung durch einen ominösen „Allvater“, der mit einem „Eisschlot“ den Schöpfungshauch in den Schoß der Allmutter sengte.
So sieht Theorie aus, die auch Nazis gefällt, sagte ich in die konzentrierte Stille des „Bunkers“ hinein.
Feuer und Eis waren die urmächtigen Protagonisten des Kreationsdramas. Sie lieferten sich einen Showdown, der dem Zuschauer den Atem stocken ließ. Denn das Eis, zäh wie Leder, behauptete sich beharrlich gegen das infernalische Fauchen der Schmelzhitze. Ein unwahrscheinlicher – und gerade aufgrund seiner Unbegreiflichkeit so ergreifender Vorgang! Stellen Sie sich den extrem komprimierten Glutkern einer unvorstellbar riesenhaften Sonne vor. Wie heiß der ist! Schon beim Gedanken daran tragen Sie Verbrennungen davon. Da hinein dringt das Eis ein.
Gewaltige Explosion.
Megaintensive Kräfteballungen entstehen, ein Eiskern lagert sich ab. (Ich spreche das alles in die Tüte, ins Unreine, in mein Diktaphon. Wenn wir Kühl nicht herauseisen können aus seinem ICE, müssen wir eben mit diesem Ungefähr Vorlieb nehmen.) Den Eiskern schleudert die Sonne in Form von Eiskristallstaub pulverisiert ins Weltall. Da kreist das dann, das ganze Eis, in diesen Unendlichkeiten toten Raumes. Es kreist und kreißt, das Drama, in welchem Galaxien geboren werden.
Das Leben: eine arschkalte Aphrodite. Nicht schaum-, sondern eisgeboren.
Ich schob mich über den Flur, an den verzweifelten Mitarbeitern des Blogozentrikers vorbei, in Richtung Ausgang. Blasse, ausgehöhlte Gesichter. Finger, die sich an Türkanten krallten. Für viele drohte ein Lebenstraum zusammenzubrechen. Sie hatten für ihren Job alles aufgegeben, Hypotheken aufgenommen, sich mit ihren Familien zerstritten.
Endlich hatte ich dctp am Telefon.
Bedaure, Herr Kluge sei nicht zu sprechen, da momentan in einer Telefonkonferenz mit Durs Grünbein, aber begeistert, erklärte mir eine Assistentin mit bitterer, schnippischer Stimme, begeistert wäre er ganz sicher nicht ob dieser Neuigkeiten.
Bringt’s was, wenn ich kündige?, rief mir Veddersen vom Eingang zur Herrentoilette aus zu.
Veddersen hatte eine Handvoll zusammengeknülltes Papier zwischen den Fingern. Sein Hemd war vorn aufgeknöpft, man sah das Feinrippunterhemd. Er schielte.
Seine Frage war sicher gut gemeint, aber der Vorschlag war auch irre. Veddersen war ohnehin irre, aber das war noch mal etwas irrer als seine anderen Ideen.
Ich lehnte mich an die Flurwand.
Feuer und Eis prallen also aufeinander, und dabei kommt eine gigantische Gestalt zum Vorschein, sagte ich mir vor. Der Ahnherr, der Urvater. Zeit und Raum und Schicksal entstehen.
Dann brach mein Herz beinahe. Als ich nämlich Bob Machas Büro betrat. Denn Bob hatte sich ein Exemplar von Hörbigers Schrift geschnappt, hatte es offenbar aus Roland Kühls Schreibtisch entführt. Der Text war in enger Fraktur gedruckt. Mit dem bullig schweren Ding saß Bob an seinem Schreibtisch – den Rechner hatte er zur Seite gerückt – und schüttelte in einer Tour den Kopf. Reine Verzweiflung malte sich auf seinen Zügen. Er verstand kein Wort.
Was ist denn das nur für eine wirre Scheiße?, stöhnte er. Das kann doch alles nicht ernst gemeint sein! Der war doch Ingenieur, der Hörbiger …
Ich klopfte Bob auf die Schulter. Roland Kühl war immer noch unerreichbar. In diesem Moment saßen Bob und ich im Knast. Kein ganz großartiges Gefühl.
Ein merkwürdiger Geruch strömte durch das weit geöffnete Fenster. Erst später begriff ich, was für ein Geruch das war, der den kalten Raum zu einem Ort des Schreckens machte – es war der Geruch der nackten Angst.

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