Hinterrücks
April 9th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Er hat echt in einer Tour über dich gelästert.
Was?
Ja. Ich sagte immer wieder: Hey, mach mal halblang, lass gut sein … aber er hat sich gar nicht mehr eingekriegt. Spooky. Ich glaub, der hat ein massives Problem mit dir.
Das ist ja … ich hätte damit nie …
Das klang übel, das klang nach blankem Hass! Hart. Ich hab wirklich manchmal gedacht: Der hasst den Bernd ja! Der hasst den ja abgrundtief!
Bernd wandte das Gesicht ab.
Und zu mir war er immer scheißfreundlich! Hat mich angegrinst, mir auf die Schulter geklopft, nette E-Mails geschrieben …
Schon ein doppelzüngiger Hund, fasste Marc den Sachverhalt zusammen und leerte seinen Espresso. Er nahm seinen Rucksack auf, weil er den Bus draußen vorfahren sah.
Ich muss langsam, sagte er. War schön, dich zu sehen, Alter.
Ja, auch schön, dich zu sehen … ich bin nur …
Marc kniff die Augen zusammen und musterte Bernds Gesicht.
Ganz schön heavy, so ne Nummer, was?
Kann man wohl sagen!
Ging mir auch so. Ich war auch geschockt.
Marc blickte nach draußen. Der Busfahrer hatte die Türen geöffnet und schlenderte jetzt über den Vorplatz, eine Zigarette schmauchend.
Ich weiß ja nicht, was da zwischen euch vorgefallen ist, aber …
Nichts! Nichts ist vorgefallen!
Bernd war aschfahl. Für ihn war es eine Tragödie, sich eine Freundschaft im Handumdrehen in eine miese kleine Intrige verkehren zu sehen.
Was es auch immer war, sagte Marc, immer noch mit dem Blick auf dem Platz, er hat’s offenbar ziemlich tief in sich hineingefressen. Möglicherweise weißt du gar nicht, wie und wann du ihn verletzt hast. Aber es muss was Heftiges gewesen sein. Jedenfalls hatte ich den Verdacht. Na ja. Marc schulterte seinen Rucksack. Ist ja auch ne arme Sau, irgendwie, wenn man’s genau bedenkt. Der ist ja auch nicht glücklich mit seinem Job, und diese verhuschte Trulla, die er sich angelacht hat, ob die immer das reine Glück ist … ich weiß nicht.
Bernd biss sich auf die Lippen. Er starrte durch die großen Glasscheiben nach draußen auf den gleißenden Platz, in dem der Schatten des Reisebusses einen scharfen Einschnitt bildete, und schüttelte leicht den Kopf.
Marc legte seine Finger um Bernds Oberarm und drückte zu.
Mach’s gut, Alter. Zeit für mich.
Ja.
Sie legten jetzt ihre Arme umeinander und klopften sich gegenseitig die Rücken ihrer Cordjacketts ab.
Bis hoffentlich bald mal wieder, sagte Bernd.
Es kam matt heraus, ohne Überzeugung.
Klar. Ciao.
Marc stapfte durch die automatisch aufgleitenden Türen nach draußen. Bernd blieb zurück, sich einsam fühlend wie selten zuvor, innerlich zerschmettert. Er hatte an diese Freundschaft zu Bob Macha geglaubt, wie ein Romantiker an die Liebe glaubt. Jetzt lag alles in Scherben.
Marc grinste, als er in den Bus stieg. Er nahm die Sonnenbrille ab und legte dem Fahrer einen 20-Euro-Schein hin.
Einmal nach Hamburg, sagte er.