Calibans karibische Eloquenz
April 10th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
- Reden wir noch einmal über deinen letzten Roman, okay?
- Er ist nicht besonders geeignet für eine Radiosendung, scheint mir … aber gern, ja.
- Es ist, wenn ich das richtig begriffen habe, ein Buch über das Ende der Literatur, über die Unmöglichkeit, heute, im Zeitalter der hollywoodgerechten Fernsehserien, noch einen Roman zu schreiben. So ein altes, obsoletes Medium zu bedienen? Das stimmt doch?
- Ja.
- Aber muss man darüber einen ROMAN schreiben? KANN man darüber überhaupt einen Roman schreiben? Ich meine, um das Problem mal anders anzugehen. Wie schreibt man, beispielsweise, einen SONG darüber, dass man keine Songs mehr schreiben kann? Ich wähle dieses Beispiel, weil es für unsere Hörer vielleicht greifbarer ist als ein Roman. Ein Roman, das ist immer gleich so groß, das sind Hunderte von Seiten, das kann man nur schwer einschätzen. Bei einem Song ist es nachvollziehbarer. Und wenn man das bedenkt. Das wirft doch ernsthafte Probleme auf, so ein Vorhaben: einen Song zu schreiben, ohne einen Song zu schreiben?
- HOHLKÖRPER ist vielleicht eher ein Film als ein Roman, sagte der Schriftsteller.
- Aber ein unverfilmbarer, lachte der Moderator. Auch der Schriftsteller stimmte in das Lachen ein.
Ich ließ, vor dem Radio sitzend, meinen Federkiel sinken.
- Okay, sagte der Schriftsteller. Das wollte ich ja aber gerade herausfinden, ob so etwas noch möglich ist. Das hat mich beschäftigt, die Frage. Kann man heute irgendwie doch noch einen Roman aufs Papier mogeln? Ich weiß nicht, man muss das nicht teilen, man muss das nicht vernünftig finden. Aber ich wollte es untersuchen.
Man sah, als er das sagte, seine hochgezogenen Augenbrauen.
Der Moderator insistierte:
- Aber könnte man nicht einfach sagen: Es ist nicht mehr möglich, einen Roman zu schreiben, und damit basta? Ich meine, damit wäre doch alles gesagt, oder?
- Das stimmt, aber trotzdem ist da der Drang, dieses Unvermögen, dieses Scheitern auszudrücken. Man will diese Unmöglichkeit artikulieren.
- Ist dann dein Roman vielleicht eher ein Monument für diesen Drang, von dem du da sprichst, als ein Roman im normalen Verstande?
Der Schriftsteller trank etwas. Man hörte, wie ein Gluckgluckgluck seine Kehle hinablief, so intensiv war der Moment. Dann sagte er:
- Es ist wie beim Ertrinken. Man ertrinkt, weil man atmet, unter Wasser. Man weiß ja, dass man nicht unter Wasser atmen sollte, dass das eher unklug ist. Aber trotzdem ist dieser Reflex in uns stärker. Der Reflex atmet sogar den Tod noch ein, das Wasser.
Ich legte meinen Federkiel beiseite; der Dialog zwischen dem Schriftsteller und der Stimme der Vernunft, vom Radiomoderator repräsentiert, faszinierte mich. Der Moderator hatte eine rauchige, freundliche Stimme. Eine Stimme, die dermaßen gut im Gehörgang lag, dass man sich ihre Positionen unwillkürlich zu eigen machte. Vielleicht deshalb formten meine Lippen den Satz mit:
- Man will das Problem nicht einfach totschweigen?
- Nein.
- Und durch den Hinweis auf die Bestseller-Liste ist das Problem nicht zu lösen?
- Wenn man Bestseller als Gegenbeispiele zitiert, wird es eher verschärft.
Der Schriftsteller lachte wieder, aber es klang bemüht.
- Würdest du dann sagen, es ist ein Verbrechen, über die Unmöglichkeit eines Romans nicht zu reden? Ich meine, sonst spricht man von “totschweigen” ja eher im Kontext von Verbrechen …
- Das denke ich absolut nicht, sagte der Schriftsteller bestimmt. Nicht im juristischen Sinne, jedenfalls.
- Aber wenn du mal spirituelle Maßstäbe anlegst …
- Damit sollte man wohl vorsichtig sein.
- Du bist kein Experte für Spiritualität?
- Das vielleicht als Allerletztes. Zudem scheint mir dieser Totschlag-Standpunkt eine sehr pathetische Sicht der Dinge zu sein. Ich hätte wohl auch dieses Wort nicht gewählt. Totschweigen.
- Nun ja, aber wenn du auf über 200 Seiten zeigst, wie Bob und Georg es einfach nicht schaffen, den Namen ihres Helden nach freiem Willen zu bestimmen. Wenn die das nicht hinbekommen, dieses ganz Simple, von allem anderen, Komplexeren ganz zu schweigen — ist das nicht auch pathetisch? Wenn auch auf andere Art?
- Du hast schon Recht. Ohne Pathos gibt’s keine Literatur. Aber ich versuchte ja, genau diese Art von Pathos, auf die du hinaus willst, dieses existentielle Pathos einer Sache, die uns alle angeht, um das mal so zu formulieren, das wollte ich ja unterlaufen … Ich weiß natürlich nicht, inwiefern mir das gelungen ist.
- Das ist schon gelungen, sagte der Moderator, nur frage ich mich …
- Vielleicht muss man auch zu viel wissen über die Welten der Werkverfertigung heute, um das wirklich nachvollziehen zu können, sagte der Schriftsteller, absorbiert von seinen Gedanken. Man muss das vielleicht selbst erfahren haben, diesen Frust kennen. Wahrscheinlich hat jemand, der all diese Mechanismen nicht kennt, der diese permanenten Vorschriften von allen Seiten nie erlebt hat, gar keine Vorstellung davon, wie gering die Spielräume sind. Wie wenig eigentlich der Wille eines Einzelnen, wie wenig das Menschliche gilt. Was man alles nicht darf.
- Du meinst, man darf mehr nicht, als man darf?
- Theoretisch darf man natürlich alles. Als Anspruch. Wir leben ja in einer schamlos freien Zeit. Aber in der Praxis wirkt sich das nur als weiteres Hemmnis, als weitere Einschränkung aus.