E pluribus unus

April 10th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Irgendwann muss ich den SIEBENKÄS auch noch mal lesen, ich weiß, das ist eine Lücke …
Bob Macha sinkt das Insel-Taschenbuch aus seiner Hand, die dünnen, seidig weichen Seiten breiten sich über den Parkettboden, und seine Finger finden, wie von allein, ihren Weg hoch zur Stirn, die schwere zu stützen.
Verzweiflung lässt Machas Gesichtszüge verschwimmen.
Wir alle haben an ihn geglaubt, sagt er, mit einer Stimme, die brüchig klingt und müde. Allein sein Adelstitel, der war ja wie ein Siegel! Das Siegel einer höheren Wahrheit, einer hohen Warte. Und dann dieses Machwerk, dieses schändliche Plagiat …
Es ist still geworden im “tower of power”, der 82-stöckigen Machtzentrale des Blogozentrikers, und das mit gutem Grund. Große Teile des Artikels THE MEM IS THE MESSAGE, einst in der Blogozentriker-Vorgänger-Postille “Kleines Feuilleton des Goethezeitportals” stolz und mit viel Tamtam abgedruckt, wurden wortgleich der Abiturarbeit eines Münchner Gymnasiasten entnommen. Das hat ein Naseweis aus Bamberg jetzt herausgefunden, als er eine neuartige Suchmaschine entwickeln wollte.
Was bleibt, ist Enttäuschung. Grenzen- und maßlose, auch trostlose Enttäuschung.
Hinter den dicken Brillengläsern schimmern Machas Augen in fahlem, fahrigem Glanz.
Hier saß er, sagt er plötzlich, springt von seinem Klavierhocker auf und presst den Zeigefinger auf einen dunklen, rissigen Fleck auf dem Perserteppich. Genau hier, hier saß Darius von Dumme und hat mir Kapitel für Kapitel seines Textes vorgetragen!
Bemerkt hat Macha nichts. Wie denn, im mündlichen Vortrag? Zumal Darius von Dumme gleich an einer ganzen Reihe von Sprachfehlern leidet; sein Stottern ist da noch der am wenigsten die Verständlichkeit beeinträchtigende.
Manche Kapitel hat Macha direkt verworfen. Die waren zu umständlich formuliert, sagt der Journalist, zu tiefsinnig. Ich wollte es knackig, hingerotzt, hingeschissen geradezu!
Jetzt ist für Sekunden der alte Bob Macha da – eine Rampensau des Misserfolgs, ein Misanthrop reinsten Wassers, der nur an eines wirklich glaubt: an die Dummheit der Menschen.
Nur im Fall von Dummes hat er sich hinreißen lassen, mehr im Menschen sehen zu wollen als einen profitgierigen Primaten, dem eine gütige, aber nicht ganz richtig tickende Macht das Sprechen beigebracht hat. In Darius von Dumme hat er einen Aristokraten von altem Schrot und Korn sehen wollen, einen Übermenschen, den Nietzsche geschnitzt hat, allerdings ein Nietzsche, der nicht in geistiger Umnachtung, sondern auf dem Caesarenthron eines starken, mächtigen und einigen deutsch geführten Europareiches geendet wäre …
Es war alles Kitsch! Nationalseliger, hirnloser Kitsch. Beschämend, eklig, würdelos.
Bob Macha lässt den Kopf sinken.
Was ihn jedoch noch härter getroffen hat als der Vertrauensbruch, der Verrat durch seinen Zögling – denn letzten Endes, da gibt sich Macha keinen Illusionen hin, war der von Dumme “auch nur so ein Idiot” -, das ist die Reaktion des Vaters. Karl-Daniel von Dumme. Der berühmte Berliner Skandalmalerfürst, dessen realistisch-sadistische Darstellungen sexueller Transgressionen ihm eine lebenslange Leibrente und den Auftrag zu einem Kanzlerdenkmal eingebracht haben, stellt sich bedingungslos hinter seinen Sohn.
KD, wie seine Kollegen ihn nennen, hat ein Porträt des Sohnemannes angefertigt, das die “Bild”-Zeitung großformatig auf der Titelseite abgedruckt hat. Man sieht einen aus Sahnetortenmaterial gefertigten Darius von Dumme, der sich selbst verschlingt, beginnend beim linken Arm. Unter der Headline: IST DER UNEHRLICHE WIEDER DER VON DUMME?, begleitete das Boulevardblatt den Abdruck mit einem Artikel, in dem der Chefredakteur in sauberen Sechs-Wörter-Sätzen die “Freiheit des Plagiats” fordert und wider “die Mär vom geistigen Eigentum” wettert.
Was ist das, fragen wir, wenn nicht saudummer Massenverblödungskitsch?
Eine kurze Pause. Bob Machas Augen suchen eine Silbertanne im fränkischen Nieselregen, draußen im Garten vor der Datscha, wo die Gattin hin und her stapft, im Blumenbeet, einen Eimer schwenkend. Auch sie ist nicht mehr ganz bei sich, seit ihr Mann mit seinem Skandalblättchen im Sumpf versank. Sie sucht jetzt Pilze unter den Rosen.
Bob Macha scheint über etwas nachzudenken, während er seiner Frau zusieht; dann senkt er die Lider über seine dunklen kleinen Augen.
Ja, alles blöder Kitsch, dieses ganze Aristokratengetue! Das sind alles nur Idioten.
Es ist nur ein Hauchen, wie er das sagt.

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