Kalte Schulter, heißes Herz

April 12th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn eine stolze Frau beleidigt ist, so wird sie unnahbar. Sie entzieht uns dann ihre Zuneigung, und noch die zartesten Gunstbezeigungen erwarten wir von ihr vergebens. Sie zieht sich vollkommen von uns zurück. Das einzige, was eine stolze Frau in ihrer Gekränktheit uns zeigt, ist die kalte Schulter. Die Eisschicht, unter der das Feuer ihrer tiefen Leidenschaften in unbekannter Heftigkeit lodert, verdichtet und verdickt sich bis zur Undurchsichtigkeit, als gelte es, das Lodern jener Flammen mit aller Macht zu bewahren.
All das ist sattsam bekannt. Doch warum, fragte ich mich, war diese spezielle stolze Frau beleidigt? Ich hatte ihr doch nichts getan!
- Warten Sie, rief ich, als sie beim meinem Anblick Reißaus nahm, so warten Sie doch, Mariam …
Ich eilte hinter der Dame meines Herzens her durch den Salon, den Hut noch in der Hand. Eine täppische, tölpelhafte Figur, die hinter einer Märchenfee im weißen Kleid her stolperte. Ein Bild wie aus einem Sonntagszeitungscartoon.
- Auch in fünfzig Jahren wird dies noch ein Roman sein, den wir lesen wollen. Aber besser, wir fangen gleich damit an, gurrte Lizzy von Berliner. Dabei wedelte sie mit einer Neuerscheinung der Saison, rund 400 Seiten in festem, biegsamem Cover.
Sie hatte sich auf dem Sofa niedergelassen, umringt von jungen Schreiberlingen, alten Lüstlingen und noch älteren erfolglosen Schriftstellern, die hofften, von ihr, der berühmten Literaturkritikerin, in ihrer Zeitung endlich auch irgendwann in den Himmel der Absurdität hochgelobt zu werden. Dafür nahmen sie es sogar auf sich, das lose Geschwätz der Meisterkritikerin mit den irren Augen über sich ergehen zu lassen.
Als Lohn für ihr Bonmot versank die Berliner jetzt in einer Traube von Gelächter, von der sie mit spitzwinkeligem Lächeln vorsichtig naschte, während ich im Nebenraum, hinter einer doppelflügeligen Tür, mit der freien Hand endlich Mariam von Welschows Arm zu fassen bekam. Sie, die längst die Herrin meines Herzens war, schnellte zu mir herum, ihr Gesicht erhitzt, das Dekolleté vom schweren Atem gehoben. Locken ringelten sich wirr vor ihren Mund. Ein ergreifender Anblick! Es fehlte nicht viel, und ich wäre vor ihr in die Knie gegangen!
Doch gab ich mich stattdessen als rechtschaffen Empörter:
- Haben Sie den Verstand verloren, Mariam? Darf ich mal fragen, was ich getan habe, dass Sie vor mir davonlaufen, als wäre ich ein Pestkranker? Was sollen denn die Leute denken?
- Ihr Freund Ritter war hier!, stieß sie nur hervor.
- Aha?, machte ich unschlüssig.
- Aber was heißt „Freund“! Das scheint wirklich nicht das richtige Wort zu sein! Denn als ich ihren vorgeblichen Freund auf Ihre langjährige, gute Freundschaft ansprach, rief er aus: „Freundschaft? Werner ist nur irgendeiner, den ich kenne, der ab und an vorbeischaut; von Freundschaft kann wirklich keine Rede sein!“
- Aber …
Ich war fassungslos. Was hatte Ritter sich bei diesem Auftritt wieder gedacht?
- Wissen Sie, was er noch gesagt hat?
- Nein!
Mariam zögerte. Sie wandte sich halb ab, blickte, auf der Unterlippe kauend, in den Salon, wo Lizzy Berliner mit ihren Plattitüden für einverständige Heiterkeit unter den Literaturbeflissenen sorgte. Ich hielt den Atem an.
- Ist es wahr, dass Sie Ritter bewundern?
- Ich? Ritter bewundern?
- Ja!
Ich konnte nur noch stammeln:
- Aber … wofür sollte ich ihn denn bewundern?
Das müssen Sie mir sagen. Ihr Freund – oder sagen wir besser: Ihr Bekannter – sagte zu mir: „Ich habe das Gefühl, dass Werner mich heimlich bewundert.“
Ich brach zusammen. Fiel nach hinten, prallte gegen einen Flügel der Doppeltür, und rutschte hinab aufs Parkett, das mir in diesem Augenblick wie der Bodenbelag der Hölle erschien.
Nie, nie hätte ich, als ich Ritter von meiner heimlich und erst halb eingestandenen Liebe zu Mariam von Welschow erzählte, gedacht, dass er sich als Postillon d’amour mit Dolch im Gewande erweisen würde! Im Gegenteil, meine Erwartung war gewesen, dass er sich ins Zeug legen würde, um die Dame meines Herzens von meiner Liebenswürdigkeit zu überzeugen. Doch was für ein Jago war dieser Mensch! Was für eine Natter!
Mich so bitter getäuscht zu sehen, versetzte mir einen Schock, der nur durch die Gegenwart des Menschen, den ich über alles in der Welt liebte, gemildert wurde.
In dem Moment, da Mariam sah, wie dieser abscheuliche Verrat mich schmerzte, war ihr Zorn von einer Sekunde auf die andere verraucht. Die Liebe gewann die Oberhand in ihrem Herzen. Sie beugte sich herab, mich an der Schulter berührend.

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