Martin

April 13th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Dass er sich das nie trauen würde, der Martin, hatte Malte gesagt, und hämisch hatte es geklungen. Tatsächlich war Martin nie als Held in Erscheinung getreten. Sich jetzt von einer Felsenklippe in der Fränkischen Schweiz in die Tiefe zu stürzen, getragen nur von wenigen Quadratmetern dünnem, gelbem Stoff – diese Aussicht behagte ihm gar nicht. Er sah sich noch vor seinem Bier sitzen, einem Schwarzbier, und düster vor sich hin starren. Brütend. Wütend, weil Malte ihn demütigte vor seiner Freundin, indem er ihn als feige verspottete. Clara war Tänzerin, sie schlug sich mit Projekten für den Nachwuchs durch, Schulprojekten, weil an der Kunst des Tanzens niemandem mehr gelegen war, jedenfalls nicht in so einem Kaff wie Alblingen. In Alblingen schwärmte man von Kultur, aber man ging nicht hin. Auch Clara brauchte also Mut für ihren Beruf, wie Malte, der Regisseur war. Theaterregisseur. Nicht übermäßig erfolgreich, aber er hielt sich immer knapp über Wasser, das doch, er kam ein ums andere Mal geradeso durch. Das schuf ohnehin eine Verbindung zwischen den beiden, zwischen Clara und Malte, dieses sich von Projekt zu Projekt Hangeln. Und es schloss Martin aus, der mit seiner Festanstellung im Alblinger Stadtmuseum als nächste große Aufgabe die Pensionierung vor sich sah. In 30 Jahren würde das sein.
Das Aufregendste, was das Alblinger Stadtmuseum zu bieten hatte, war der zerkratzte VW-Bus, in dem vor vielen Jahren, in den Siebzigern, eine Handvoll Hippies in die Stadt gekommen waren. Alle steinreich und stoned, junge Leute aus München, Boheme, verwöhntes Pack. Sie hatten in ihrer Bekifftheit das Stadtschild umgefahren, und weil sie am nächsten Tag in die Werkstatt wollten, um ihre Karre wieder flott machen zu lassen, bevor sie ihren Trip nach Berlin fortsetzten, hatten sie im Stadtpark campiert. Sie hatten dort gefeiert und in den historischen Brunnen gepinkelt.
Kein einziger von ihnen hatte überlebt, und niemandem hatte es Leid getan. Sie alle waren niedergemetzelt worden. Die Polizei sprach von einem Einzeltäter, einem Psychopathen. Offenbar eine Bestie. Keiner konnte sich erklären, wer das gewesen sein mochte. Man sprach hinter vorgehaltener Hand von einem Minotaurus aus der Hochhausgegend. Ein Metzger habe das sein müssen, der Täter, oder ein Arzt. Jemand, der mit einem Seziermesser umgehen konnte.
Nur eine junge Frau hatte überlebt, eine Hübsche, eine Brünette. Im knappen BH und Höschen, eine Spur aus blutigen Fußstapfen hinterlassend, war sie die Hauptstraße hinab gestolpert im Morgengrauen.
Und jetzt also nahm Martin Anlauf, vor Malte ins Tandem geschnallt. Er spürte sein Herz in der Kehle, die milde Frühlingsluft, die Sonne. Clara lächelte. Sie wetzten vierbeinig über die grüne Wiese, die zwei Idioten, hangabwärts auf die Kante zu. Dahinter das Nichts. Das Offene, konnte man verharmlosend sagen. Einfach nur leerer Raum, Millionen Kubikmeter Leere. Da fiel Martin jetzt hinein.
Er werde es selbstverständlich machen, hatte Martin gesagt, das Schwarzbier absetzend, das habe ihn immer schon interessiert, das Paragliding, und Clara hatte ihn erstaunt angesehen. Erstaunt, aber auch bewundernd. Stolz.
Seitdem der VW-Bus ins Stadtmuseum eingeliefert worden war, hatte es so etwas in Alblingen nicht mehr gegeben. Wir alle fühlten uns diesem Ereignis verbunden. Es war toll.

Tagged:, , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Martin at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.