Nur das Unvollendete kann begriffen werden
April 13th, 2011 § 1 Kommentar
Martin und Martin sind Freunde. Sie haben in Berlin eine Zeitlang zusammen einen Club geleitet, das PLEMPLEM. Der eine nannte sich Matte und der andere gab sich den Spitznamen Von, weil der eine Martin Matthans hieß und der andere Martin von Büchteshagen. Sie wollten auf keinen Fall als Martin & Martin durch die Welt gehen, das hätten sie als lächerlich empfunden. Gleichwohl waren sie wie Brüder. Sie teilten alles, die Wohnung, den Wein, die Musik. Und für ein paar Wochen sogar eine Frau, auch wenn sie das gar nicht wussten. Das war damals Hilde. Hilde aus Oldenburg. Hilde war ein Kumpel, immer für einen Spaß zu haben, sehr blond, wenn auch mit schwarz gefärbten Haaren, angestellt als Kontakterin in einer Eventagentur, und insofern löste sich die ganze Sache in wohlgefälligem Gelächter auf. Dann aber verliebte sich Matte. Unsterblich.
Ernsthaft.
Und grausam.
In Dina. Dina war anders. Sie war die Überfrau, nach der er sich innerlich immer gesehnt hatte. Die Frau, die stark genug war, die Lücke zu füllen, die Regina Matthans, die Mutter von Matte, hinterlassen hatte. Regina Matthans hatte sich umgebracht. Kein Abschiedsbrief, kein Wort. Nur Pillen und Champagner. Als man sie fand, saß sie in kaltem Badewasser. Schön und nackt und tot.
Eines Abends saß Von mit Dina zusammen, als Matte zu einem Vorstellungsgespräch nach München gereist war. Er bewarb sich um einen Job bei einer PR-Agentur. Die Zurückgebliebenen sprachen über Matte. Von seiner Müdigkeit in letzter Zeit. Dass er sich in eine bürgerliche Lebensform zurückziehen wollte. Sehnsucht nach Ruhe verspürte. Dina fand das nicht verkehrt. Sie meinte, der Zug sei ja eh abgefahren. Der Zug der gesellschaftlichen Veränderung. Die tollen Zeiten seien vorbei. Jetzt käme wieder mal eine Eiszeit, darauf müsse man reagieren. Ein Umzug nach München sei ja keine Flucht, sagte sie, sondern Konsolidierung. Von ärgerten diese resignativen, angepassten Töne. Sie ärgerten ihn maßlos. Ihm kam es so vor, als würde alles, wofür er gelebt hatte, durchgestrichen. Überpinselt. Er fing an, über Matte abzulästern. Wusch vor Dina die ganze schmutzige Wäsche, die sich in ihm aufgehäuft hatte. Packte aus. Er behauptete, Matte habe ja sowieso immer nur ihn, Von, imitiert. Matte selbst sei nie ein Rebell gewesen, nur ein Schauspieler. Ein Anhängsel. Nie habe er auch nur das kleinste bisschen Eigeninitiative gezeigt. Von verstieg sich sogar zu dem Wort „Schatten“. Matte habe zweifellos Charme, sagte er, aber es sei ein giftiger Charme. Matte mangele es einfach an Charakter.
Dina war geschockt. Ein Abgrund tat sich vor ihr auf. Sie wollte Beweise. Von schleppte die Tagebücher Mattes herbei. Darin ein pausenloses Exerzitium von Zweifeln. Seitenweise schmerzverliebte Reflexionen über andere Frauen, Selbstbezichtigungen, boshafte Bemerkungen über Dina, Zeichnungen. Dina, am Boden zerstört, an sich selbst irre geworden, wollte an einen Scherz glauben. Von schüttelte den Kopf. Die Handschrift war eindeutig die Handschrift von Matte. Von sagte, so sei Matte eben. Ein Irrer, ein Schizo. Das habe er Dina eigentlich ersparen wollen. Er habe sich im Lauf der Jahre, der Freundschaft dran gewöhnt. Auf Matte sei grundsätzlich kein Verlass.
Er sagte:
- Wenn du dich mit Matte einlässt, kannst du dich auch gleich die Niagarafälle runterstürzen! Das geht schneller.
Was hast Du eigentlich immer mit diesen Martins? Du bist ja ganz besessen davon!