Ein kurzer Traum aus Terrakotta …
April 14th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Ariadne biss in ihr Kissen, bis die Kiefergelenke knackten. Die Bilder in ihrem Kopf, sie konnte sie einfach nicht abschütteln. Selbst Wein half nicht, nicht einmal der süße, rote, aus goldenen Schalen getrunkene. Von fahlen Schatten gehetzt durch unterirdische Labyrinthe – das war ihre Seele seit Stunden. Verzweiflung und Euphorie trieben sie auf starken Wellen, drückten sie dem Himmel entgegen und peitschten sie hinab in ein Höllenreich. Ein schaudernder Ritt auf einer Rasiermesserklinge.
Was Ariadne würgte, war ihr Ehrgeiz. Diesem alles zum Opfer zu bringen, zuvörderst die Vernunft, war sie fest entschlossen. Sie würde notfalls auch ihr Leben drangeben. Um jeden Preis wollte sie wieder erstklassig sein, wie vor Jahren. Die erste Liga. Der Durchbruch musste ihr gelingen. Um dieses hohe Ziel zu erreichen, hatte sie alles auf eine Karte gesetzt. Und jetzt nagte der Zweifel an ihr, ob sie die richtige Karte ausgewählt hatte.
Möglicherweise, dachte sie, war es ein Fehler gewesen, ausgerechnet auf einen Barbaren aus Athen zu bauen? Auf einen, der ursprünglich als Opfervieh vorgesehen war? Prinzenblut schön und gut – aber auch dieses soff ein Minotaurus bedenkenlos in stiller Lust.
Um ihren kleinen Finger der rechten Hand gewickelt sehen wir einen dünnen roten Faden. Zart. Dieser Faden flieht fort und fort, tiefer und tiefer hinab in die von Daidalos, dem Artifex, gefertigten Gewölbe, um Wand und Wand einem ausgelöschten Schrei entgegen.