Lust, Frust und Proust

April 23rd, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Er wollte selber etwas schreiben, ein paar Zeilen nur, vielleicht einen Chanson, den Eduard dann vertonen könnte, wenn er wieder in Trier war, aber als er auf Zehenspitzen durch den dunkelnden Flur ging, um sich Papier zu holen, stand plötzlich seine Mutter vor ihm, eine weiße Erscheinung, den Zeigefinger auf die Lippen geheftet. Sie zog ihn durch die Doppelschiebetür ins Wohnzimmer und drückte vorsichtig die Türhälften zusammen.
- Darf man mal fragen, was du da machst, fauchte sie ohne Stimme.
- Ich wollte mir nur Papier holen …
- Dein Vater arbeitet oben, das habe ich euch doch gesagt!
Pauls Bruder, Jean, saß in seinem Zimmer, den Kopfhörer aufgespannt, und wiegte seinen Kopf zu Sibelius.
- Ich weiß, sagte Paul, ich wollte ja auch nur ganz leise …
- Aber du weißt doch, dass der geringste Laut deinen Vater aus dem Konzept bringt! Die Mutter rang die Hände. Es schien, als hüpfte sie auf dem Teppich ein Stückchen in die Höhe, wie eine Cartoonfigur, die man von hinten mit einer Stricknadel piesackt. Und gerade jetzt, bei dieser Arbeit! Die definitive Neuübersetzung Prousts, die …
- Er kann doch gar kein Französisch!
Dieser Satz war Paul über die Lippen geschlüpft — war heraus, bevor sein Urheber noch überhaupt registrierte, was er da von sich gab. Eine Ungeheuerlichkeit.
Die Mutter wich in dem dämmrigen Licht zurück. Es war nicht zu unterscheiden, ob sie erbleichte, aber Paul hätte seinen Arsch darauf verwettet.
- Wie kannst du …
Ihre Lippen bebten. Sie griff instinktiv nach dem silbernen Kreuz um ihren Hals.
- Aber er KANN doch kein Französisch, Mama! Du, du kannst Französisch!
Paul trat auf seine Mutter zu, die Arme halb vorgestreckt, halb ausgebreitet, eine unmissverständliche Geste, doch sie wich gleich zwei Schritte zurück.
- Untersteh dich, je wieder so etwas zu sagen, du Schandmaul!
- Ist es denn nicht wahr?
- Nein, es ist nicht wahr!
- Nein?
- Dein Vater versteht intuitiv sehr viel mehr von der französischen Sprache, als ich je von ihr verstehen könnte. Auch wenn ich natürlich einige Jahre in Marseille gelebt habe …
- Genau, das meine ich doch, die Jahre, die du …
- Aber hier geht es um Literatur! Die Stimme der Mutter überschlug sich, ein unterdrücktes Kieksen. Es geht nicht ums Brötchenkaufen, es geht nicht um das Ausleihen eines Mietwagens. Dieses kann ich selbstverständlich unvergleichlich viel besser besorgen als euer Vater! Aber Literatur … Die Mutter kam wieder einen Schritt näher. Literatur ist etwas Hohes, Paul. Und euer Vater ist hoch, er ist hoch geboren. Viel höher als ich oder ihr! Wir sind niedrig Geborene. Und darum besorge ich den Haushalt, während er dort oben, die Mutter spitzte ihren Zeigefinger gegen die Decke, dort oben sitzt und für uns alle denkt. Sie nickte selig. Und nicht nur für uns, Paul! Nicht nur für uns.
Jetzt war es an Paul, etwas auf Distanz zu gehen. Was er da zu hören bekam, war schon ein starkes Stück, fand er, und alle Gedanken an einen Chanson waren aus seinem Kopf herausgeblasen.
- Und Jean und ich, fragte er vorsichtig, nicht ganz sicher, ob er sich verhört hatte, wir sind auch niedrige Wesen, meinst du?
- Aber ja! Die Mutter ergriff Pauls Hände und drückte sie innig. Niedrig seid ihr, ja, aber niedrig natürlich nur im Vergleich zu ihm! Wie könntet ihr ihn aber auch erreichen? Es ist ein Beweis seiner Liebe und Gnade, dass ihr studieren dürft, denn insgeheim, das hat er mir anvertraut, hat er keine Hoffnungen, was euch betrifft. Du hättest sehen sollen, wie bekümmert er schaute, als er mir seine tiefsten Besorgnisse anvertraute. Es brach ihm das Herz, aber er hat sich doch zur Wahrheit verpflichtet, unter allen Umständen, das weißt du ja. Dass ihr hoffnungslos geistlos seiet, hat er mir also anvertraut, wie unter Tränen, auch wenn ein Vater das nicht sagen sollte, sagte er, aber ihr seid doch leider total geistfern, regelrechte Idioten. Es mangele euch an dem inneren Licht, hat er gesagt. Die Mutter drückte jetzt ihren Sohn ganz an sich, von der Wange bis zu den Knien, zitternd vor Rührung und Hingerissenheit. Das liegt an mir, rief sie leise aus, nur an mir! Es sind meine mediokren, bedeutungslosen Gene. Euch trifft keine Schuld! Keine Schuld!

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