Ratten des Weltgeists

April 23rd, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Ursprünglich sollte das Ganze ein Dialog werden. Ich schreibe etwas, Sie antworten, daraufhin entgegne ich wieder etwas. Zuerst einmal ginge es vermutlich gar nicht so sehr um das WAS, im Vordergründ stünde das DASS. Dass man es überhaupt mal versucht. Dass man sich nicht immer gleich einschüchtern lässt von den Usancen des Betriebs. Wir hätten das Buch, dieses Mega- und Metamedium, ja gar nicht dekonstruieren müssen; denn das Buch ist am Ende. Es hat sich selbst dekonstruiert. Sei es die Gattung des Romans, sei es ein philosophischer Mastertext — es hat schlicht keinen Sinn mehr, so zu tun, als präsentierte man eine Einheit, ein definitives Werk, eine Abgeschlossenheit und Totalität. Heute spielt der Teil die Hauptrolle. Die Beleuchtung hat stark gewechselt. Alles ist Stückwerk, Essay, Fragment. Eine Rückkehr zu den Romantikern. Das einzige Gesamtkunstwerk, das wir noch gelten lassen, ist die Welt selbst, der reale Globus. Die Netze von Kapital und Mediengeschehen, die blitzend und knisternd unseren Planeten umspannen — die halten wir für echt. Vielleicht sind wir Postmoderne tatsächlich Nachfahren der Romantiker — allerdings ohne den Glauben an die Allmacht des schwebenden, zwischen den Gipfeln verschwebenden Ichs. Wir sind eher wie dieses Völkchen, das in den Mülldeponien von Kairo lebt. Zwerghafte kleine Abfallesser. Das klingt nicht besonders reizvoll, hat aber den Vorteil, dass man am Leben ist — wie eine Ratte. Wir sind ein Geschlecht von Nagetieren, während jene, die am Projekt der Moderne festhalten und sich allmorgendlich den Rock des Großbürgers anziehen, längst nur noch als Bilder in riesenhaften, verstaubten, halbblinden Spiegeln existieren. Verblassende Erinnerungen an sich selbst. Was von ihnen einzig noch real ist, ist der Komplex, sich nie und um keinen Preis als Hofnarren des Geistes sehen zu wollen. Dann lieber die Augen schließen, wie man die Zähne zusammenbeißt! Dagegen genießen wir fröhlichen kleinen Scheißer den Vorzug einer zuweilen fast ZU intensiven Existenz. Denn was kann bitteschön intensiver sein als die Existenz eines Nagetiers? Unser Herzschlag pocht direkt gegen den Puls des Seins. Wir wissen noch, was Haut, was Fell ist. Es ist das Seil, auf dem wir balancieren. Wir sind auf unsere Reflexe, auf unsere Instinkte angewiesen. Die Kultur gibt uns keine Anleitungen mehr, aber auch keine Kommandos; die pseudosakralen Vorschriften sind verfallen, was wir aus ihnen herauslesen können, sind bestenfalls Hinweise. Hinweise darauf, wie es nicht geht.

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