IMAGE is nothing. TEXT is everything.

April 30th, 2011 § 1 Kommentar

Gut, ja, sagte der Professor und schob die Brille, die seit einigen Tagen schon irgendwie schief auf seiner Nase zu sitzen schien, zurecht, ich habe Ihren Essay mit großer, also, Aufmerksamkeit.
Der Professor hatte seine Hände über dem Text gefaltet, nachdem er mit seiner Brille soweit fertig geworden war, und blickte Bob Macha jetzt freundlich an. Man könnte von einem “aufmunternden Lächeln” sprechen, und man müsste dazu nur unwesentlich übertreiben.
Gelesen, schloss er seinen Satz ab.
Der Professor hatte graue Haare, wie immer unfrisiert, einen Dreitagebart, blaue, ratlose Augen, einen etwas zu breiten Mund, der durch Furchen in Richtung Kinn noch verlängert wurde, und eine einzige Stirnfalte, die sich knapp oberhalb der buschigen Brauen über die ganze Breite des Schädels zog, wie eine Narbe.
Der Professor schwieg. Er trug eine braune Lederjacke, und der Denker, den er am meisten von allen bewunderte, war Jacques Derrida.
Bob wischte sich mit der Handfläche über Nase, Mund und Kinn. Er guckte ernst. Ihm war nicht so ganz klar, ob man ihn zu einer Enthauptung eingeladen hatte, und ob diese Enthauptung womöglich seine eigene war.
Er wippte mit dem rechten Fuß, merkte er. Er hörte damit auf und fragte:
Sie fanden den Kram okay, ja?
Der Professor sah ihn an, und Bob dachte sich, dass er anscheinend die falsche Frage gestellt hatte.
Also, können Sie was mit meiner These anfangen?, präzisierte er.
These?
Der Professor legte seinen Kopf schief, bis sein rechtes Ohr beinahe die Schulter berührte.
Nun ja, was ich in meinem Paper, Bob schnippte mit seinem rechten Zeigefinger hin zu den Blättern, über denen die professoralen Hände gefaltet waren, was ich da schreibe, in meiner Arbeit, meine ich.
Ihre These, sagte der Professor, sich jetzt in seinem face2buns zurücklehnend und die Arme vor der Brust kreuzend, besteht doch mehr oder minder darin, dass Sie Geschichten jeder Art ablehnen, stimmt’s nicht?
Stories, ja, sagte Bob Macha.
Und Sie berufen sich, um diese Ablehnung, die Sie übrigens in reichlich polemischer Weise artikulieren …
Ich weiß.
Sie berufen sich zur Untermauerung dieser, wie Sie sagen, “These” auf Daniel J. Boorstin und sein Anfang der 60er Jahre erschienenes Werk THE IMAGE. Korrekt?
Pseudo-Events, sagte Bob.
Lassen Sie mich Ihren Gedanken rekapitulieren, sagte der Professor. Er zog die Brauen zusammen. Er beugte sich vor, seine Stimme gewann dramatisch an Eindringlichkeit. Ihr Gedanke ist, dass es in einem Zeitalter, das mehr oder weniger aus einer Aneinanderreihung von Events, meistenteils künstlichen Ursprungs …
Pseudo-Events.
… Pseudo-Events, ganz recht, besteht … dass es in einem solchen Zeitalter einfach Quatsch ist, wie Sie schreiben, Geschichten zu erzählen. Weil es früher die Aufgabe einer Geschichte war – einer Geschichte, die von einem fahrenden Sänger vorgetragen wurde, beispielsweise -, den zähen Fluss der unausgesetzten Ereignislosigkeit zu unterbrechen. Sein Job war es, für ein Event zu sorgen, und sei’s das Pseudo-Event einer Erzählung.
Der Professor sah auf.
Fasse ich das so richtig zusammen?
Absolut richtig, sagte Bob nickend.
Und Sie sagen jetzt: Wieso soll man, wenn eh alles nur noch eine einzige Aneinanderreihung spektakulärer Ereignisse ist, wenn man sich vor Events gar nicht mehr retten kann — wieso soll man da noch mehr Öl ins Feuer gießen? Wieso soll man noch eine weitere Eule nach Athen tragen, indem man den ganzen Pseudo-Events noch ein weiteres hinzufügt? Richtig?
Bob breitete seine Hände aus. Er machte einen ganz zufriedenen Eindruck.
Ich sehe jedenfalls keine andere Möglichkeit, die Dinge zu deuten, sagte er.
Der Professor nickte.
Okay, sagte er. Ist ja alles auch okay. Aber dafür wollen Sie einen Magister Artium? Im Ernst?

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§ Eine Antwort auf IMAGE is nothing. TEXT is everything.

  • Herr Macha, Herr Macha, ihre Naivität ist Ihnen ja hoch anzurechnen, aber selbst (oder gerade) die professionellen Wahrheitssucher würden sich nicht selbst arbeitslos machen, nicht einmal um der Wahrheit willen. Oder?

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