Selbstmord? Selbstmord, Selbstmord …
Mai 3rd, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Bob, auf dem Sofa ausgestreckt, seinen Spazierstock mit silberner Krücke zwischen den rötlich braunen Schuhen von links nach rechts und wieder zurück drehend, flötete dieses Wort vor sich hin, “Selbstmord”.
Er trug einen eleganten Anzug, seinen letzten, und hatte seinen Hut auf die Stehlampe neben dem Arbeitstisch gehängt. Seine Krawatte hatte er gelockert.
Bob setzte alles auf eine Karte, seit Mittwoch.
Ich weiß nicht, ob es fair ist, den Selbstmord als ultimativen Maßstab für Verzweiflung und Leid zu nehmen, sagte er schließlich. Er setzte sich halb auf. Ich hab da vor ein paar Tagen eine Frau gesehen. Eine Frau von, vielleicht, fünfzig Jahren. In meiner Nachbarschaft. Ich beobachtete sie vom Fenster meines Arbeitszimmers aus … Aber bevor ich ein Porträt dieser Lady gebe, sagte er, sich ganz aufrichtend, muss ich kurz mal pissen. Ist das okay?
Weder Martin noch ich erhoben Einspruch. Wir waren überhaupt ein fügsames Völkchen. Martin saß eingesunken auf seinem Klappstuhl, und ich lehnte nach wie vor am Klavier, den linken Ellbogen auf einen Stapel Chopin- und Debussy-Noten gelehnt. Ich tat so, als wäre das eine bequeme Stellung.
Ich sagte, möglichst munter: Wir alle haben doch unseren Selbstmord hinter uns, nicht wahr? Ich meine, es gibt so viele Arten, sich umzubringen. Man kann es physisch tun.
Irgendwo draußen auf dem Flur begann der Urinstrahl von Bob zu rauschen, er hatte offenbar die Klotür offen gelassen. Ich hob die Stimme:
Man kann es spirituell tun, mental. Auch ein sozialer Suizid kommt vor.
Bob kehrte zurück. Er sagte: Red doch nicht so einen Scheiß, Vince, und ließ sich wieder auf sein – oder korrektermaßen muss man sagen: Martins – Sofa fallen.
Martin sagte: Ich finde, Vince hat nicht Unrecht.
Mag sein, knurrte Bob. Ist doch egal.
Viele finden gar nicht erst den Mut, geboren zu werden, sagte ich. Wozu also vom Tod reden? Er kommt in ihrem Leben nicht vor!
Bob schwieg eine Weile. Dann hob er zu sprechen an:
Sie, eingehüllt in einen alten gestreiften schwarzen Ledermantel, schob ihren bis oben hin vollgemüllten Einkaufstrolley, überladen mit weißen und blauen Plastiktüten, in einen windgeschützten Winkel hinter dem Kirchenportal. Eine Obdachlose. Ihr lilafarbenes Kopftuch leuchtete in der beginnenden Dämmerung. Fahl. Während sie ihre Habseligkeiten umschichtete, mit einigen der Plastiktüten aus ihren Beständen hinter dem vorgelagerten Backsteingebäude verschwindend, tippte ich auf meinem Laptop eine Geschichte …
Aha, sagte Martin. Darf man fragen, ob es sich um eine bereits veröffentlichte Story handelt?
Jetzt lass ihn doch mal erzählen, rief ich.
Sie drehte sich nach links, fuhr Bob also fort, dann noch einmal. Und noch einmal. Sie drehte sich insgesamt neun Mal nach links! Dann schraubte sie eine 1,5-Liter-Plastikflasche auf und schüttete den Inhalt, offensichtlich Wasser, auf das Pflaster.
Martin und ich warteten. Aber es kam nichts mehr.
Und?, wagte ich endlich zu fragen.
Wie, und?
Na, was dann?
Keine Ahnung. Ich bin gegangen, um mir ein Brot zu schmieren.
Ein Käsebrot?, fragte Martin aufgeregt. Er rieb sich die Hände, wie ein Kind, oder wie ein Student.
Ja.
Ich weiß beim besten Willen nicht, was solche Erzählungen sollen, sagte ich grimmig.