Editor’s Note
Mai 4th, 2011 § 4 Kommentare
Wenn ich ganz ehrlich sein darf, lieber Leser, dann hasse ich Sie. Der Grund ist: Ich bin von Ihnen abhängig. Sie erschaffen mich mit ihrer zerstreuten, widerwilligen, nachgerade lächerlichen Aufmerksamkeit. Ohne Sie bin ich nichts. Wären da nicht Ihre Augen, die meinen Stuss hier lesen – ich existierte überhaupt nicht. Oder existierte doch nur wie der Eintrag in einem Tagebuch, das auf einem längst vergessenen Dachboden vor sich hin schimmelt … Ja, Sie sind mein Blut, mein Lebensatem, mein Herzschlag, und dabei kenne ich Sie nicht einmal! Vielleicht sind Sie mir als Mensch ganz unsympathisch. Vielleicht hielte ich Sie für larmoyant, unaufrichtig und verblödet, wenn ich Ihnen begegnete? Und vielleicht sind Sie all das sogar!
Natürlich hege ich nur die allerhöchste Meinung von Ihnen – aber warum denn? Doch nur, um mir selbst schmeicheln, mir auf die Schulter klopfen zu können. Ich hätte Sie gern edel, hilfreich und klug. Und so sind Sie also, in meiner Vorstellung. Sie sind edel, gütig und verständnisvoll. Ein sanfter Vollmensch. Dass Sie in Wahrheit kaum lesen können, dass Ihnen beim Frühstücken das Müesli aus dem Mund fällt, während Sie debil vor sich hin kichern, dass Sie sich schwertun mit komplexen Zusammenhängen und rein gar nichts begreifen – ich will’s nicht wahrhaben. Ich werde deshalb wohl auch weiterhin so tun, als wären Sie ganz prima. Aber damit Sie’s wissen: Ich hab Sie durchschaut!
[ ] Vielleicht.
[ ] Mist.
[ ] Tut mir leid.
(Zutreffendes getrost ignorieren.)
Mist, würd ich sagen.
Ach!
Ich existiere nur wenn ich schreibe (Ingeborg Bachmann). Und jeder Musiker würde das wohl ähnlich sehen.
Nein: Was sich aus der Beziehung zum Leser ergibt ist nicht Existenz, sondern Anerkennung, Affiliation, Zuneigung…