Django würfelt nicht
Mai 5th, 2011 § 1 Kommentar
Unser alter, launischer Weggefährte metepsilonema ist der Ansicht, aus „der Beziehung zum Leser“ ergebe sich für den Autor „nicht Existenz, sondern Anerkennung, Affiliation, Zuneigung“. Herzig! Mag sein, das war der Ansatz der Moderne. Es stimmt ja: Wenn der Autor eh der Textgott ist, dann braucht er von der Akklamation der Lesegläubigen seine Existenz nicht abhängig zu machen – im schlimmsten Fall sagt er zu ihnen einfach: „Euch gibt’s doch gar nicht!“, und damit ist die Sache vom Tisch. Hinter jedem Satz eines Moderne-Autors stand ein „QED“.
In der Postmoderne wurde aus dem „QED“ allerdings ein „FAQ“. Nachdem man in Paris vollmundig den „Tod des Autors“ verkündet hatte, im Nachvollzug wohl eines legendären Nietzsche’schen Aufklärungsakts, muss beim Schreiben jeder bangen: Bist du auch gut genug für das Publikum? Vermagst du zu fesseln, Beifall aufzurufen? Daumen rauf oder runter? Was sagt die Gemeinde: Lebst du noch?
Witold Gombrowicz widmete Werk und Leben ja diesem Problem, diesem Phänomen: dass der Andere mich erschafft, wie ich den Anderen erschaffe. Wir machen uns gegenseitig – wer sonst? Wie Bischof Berkeley einst formuliert hatte: „Esse est percipi“ – „Sein ist Wahrgenommenwerden“ … Im Zeitalter der TV-Prominenz erhält dieser Wahlspruch natürlich eine ganz neue, eigene Evidenz. Denken Sie nur bitte mal an all diese Medien-Götzen, die über die Bildschirme der Welt geschwemmt werden! Diese Kitsch- und Dreck-Sintflut! Das Worst-Case-Scenario ist zum Normalfall geworden. Der Daumen ruht immer auf der Programmwahltaste. Das Glotzraubtier knurrt leise. „Gefällt mir.“
Oder halt auch nicht.
Leider folgt aus all diesen Beobachtungen: Wichtiger als der Kauz, der den Content liefert (vulgo: Autor), ist der King an der Fernbedienung – die vom Gelderwerb mürbe, melancholisch-miesmuschelige Couch Potato.
Das mag anders sein im Konzertsaal – hier ist der Zuhörer ja dem Nachschaffenden ausgeliefert. Fatalerweise gibt’s nirgends einen Aus-Knopf. Man muss so eine Kantate aussitzen. Da erlebt der Musiker vielleicht wirklich mal so ein Allmachtgefühl. Man hängt an seinen Lippen, an seinem Bogen, an seinen Tasten. Und hinterher ist auch der Konzertgänger enthusiasmiert, dass er das geschafft hat: Bach!
Aber als Schreibender kann man sich derlei tröstenden Illusionen nicht hingeben … Niemand hält den Atem an, niemand atmet auf, niemand spendet Beifall. Höchstens kritzeln Halbirre mürrisch-ambivalente Kommentare in dein Gästebuch um drei Uhr morgens. Und halten das für einen Gnadenakt.
Für den einstigen Textgott gilt: Schreib einen Satz mit mehr als sechs Wörtern, bau aus Versehen einen komplexen Gedanken ein – und du bist raus, Baby!
Der alte, launische Weggefährte gibt auch sofort zu, noch nicht vollständig postmodernisiert worden zu sein und gehört zu den recht häufig anzutreffenden Mischwesen.
Spielen bedeutet kein Allmachtsgefühl, sondern eine Offenbarung; in den postmodernen Jargon übersetzt: Einfach geil! (Und alles andere kommt später.)
Ist das beim Schreiben nicht auch so?