Dornmöschen
Mai 5th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Für’n Hansi. Der möge es seinem Söhnchen erklären.
Zu beschreiben, was in ihrem Kopf vor sich ging, war gar nicht möglich. Es war die totale Schamhaftigkeit. Ihre Phantasie unterlag zaristischer Zensur. Nur so waren ihre Leistungen im Hochsprung erklärlich. Dabei hasste sie Hochsprung. Sie hasste auch ihre Prüderie. Und sie hasste ihre Mutter. Doch alles drei war in ihrem Leben unvermeidlich, mehr noch, bildete den Kern ihrer Persönlichkeit. Ihr perfekter Absprung, das heuchlerische Lächeln ihrer Mutter und Sexlosigkeit. Es war, als hätte sie ihr blondes Haupthaar und das makellos naive Lächeln als Programm genommen, welches der Geist sklavisch umzusetzen hatte. Jedenfalls war sie innerlich ganz leer, von einer konstanten Missmutigkeit abgesehen, die ihre Leistungen allerdings in keiner Weise beeinträchtigte. Manchmal nahm sie in einem verstohlenen Moment eine Nagelschere in die Hand und überlegte sich, wie es wäre, damit ihre helle Haut zu ritzen. Wie man eine Dose öffnet, wenn man Hunger hat. Im letzten Moment schreckte sie jedoch jedes Mal zurück. Alle Aspekte der Körperlichkeit waren ihr ein Gräuel. Ein farbiger Sprinter, ein Hüne, der kurzzeitig an ihr interessiert war, verlieh ihr bei einer Preisverleihung den Spitznamen „Dornmöschen“. Sie hatte ihn abblitzen lassen. Er wollte mit seiner spaßhaften Namensgebung andeuten, sie befände sich in einer Art ewigen Tiefschlafs, aus dem man sie endlich mal wach küssen müsste. Viele aus der Branche verstanden den Ausdruck aber so, als stellte er eine Anspielung auf eine dentatahafte Vagina dar. Das war nicht intendiert. Der Sprinter bemühte sich um Richtigstellung. Man wollte davon nichts wissen, alle ließen nun den Sprinter mitsamt seinen Erklärungen abblitzen. Übermäßig ausgeprägte Muskulatur des Unterleibs – anders war dieser sensationelle Absprung einfach nicht zu erklären. Dass ein eindringendes männliches Glied bei einer unwillkürlichen Verkrampfung solcher Supermuskeln leiden musste – das war nachvollziehbar. Bald galt das Mädchen als sexsüchtig, dann als „eiskalter Engel“. Die Gerüchte über sie eskalierten. Die Medien griffen den Fall auf. SIE SPRINGT VON BETT ZU BETT, REKORDBETTHUPFERL. Am Ende brachte die Mutter ihre Tochter um, weil sie ihr und der ganzen Familie Schande bereitet habe. Der Vater fand das schade, traute sich aber nicht zu protestieren. Seine Frau wurde abgeführt. Das Foto zeigt das Gesicht einer bösen Person.