Tolle Theorie
Mai 11th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
“Der Vorteil, wenn Sie die Welt durch die Augen eines Wahnsinnigen betrachten”, sagt Doc Spielvogel, und er wirkt dabei ganz vergnügt, “ist: Alles wird ganz klar, glasklar geradezu, und plausibel überdies. Wissen Sie, was ich für eine Theorie habe? Ich bin erst vor ein paar Tagen darauf gekommen.”
Der ehemalige Betriebspsychologe von n+2, jetzt längst Inhaber einer eigenen, gutgehenden psychotherapeutischen Praxis in Münchens Osten, lässt seine Brillengläser im Sonnenlicht am Odeonsplatz blitzen. Autos donnern, dröhnen und drosseln vorbei. Er selbst glaubt, er sehe, mit seinen zurückgekämmten grauen Haaren und dem smarten Dauerlächeln, wie Walter Benjamin aus, der große und seltsam unvollendete Theoretiker, Philosoph und Schriftsteller, der sich auf der Flucht vor den Nazis das Leben nahm, in Port Bou.
Das tut er natürlich nicht. Allein schon, weil Benjamin für seine ernsten, tiefen Blicke bekannt war und nicht für ein eselhaftes Dauergrinsen.
“Was?”, sagt Bob, der glaubt, dass er wie Bob aussieht.
Und damit goldrichtig liegt.
Doc Spielvogel beugt sich vor.
“Meine Theorie ist: Die Verrückten sind daran als Verrückte zu erkennen, dass sie alles daransetzen, die Widersprüche aus der Welt zu räumen. Während die Gesunden”, sagt Spielvogel, und Bob muss schlucken, als er den unverhohlenen Triumph in den Zügen seines Gesprächspartners erblickt, “sich ganz einfach mit der paradoxen, idiotischen, unerklärlichen Natur der Realität abfinden.”
“Sie meinen”, Bob zündet sich eine weitere Zigarette an und tritt mit dem rechten Schuhabsatz dabei nonchalant eine Ameise tot, “Sie meinen, man erkenne einen Verrückten daran, dass er glaubt, die Welt habe einen Sinn?”
“Ja.”
Doc Spielvogel nickt, dann lacht er auf. Er klatscht in die Hände. Ballt die Fäuste. Er ist kurz davor, aufzuspringen. Er gibt ein komisches Geräusch von sich, das ein Journalist möglicherweise als “Giggeln” beschriebe. Ein Popautor machte eventuell von derselben Vokabel Gebrauch, doch erscheint sie uns zu unklar, zu onomatopoetisch. Und sind wir nicht alle auf Wörterbücher verpflichtet? Wir bedienen uns daher lieber der Formulierung: Doc Spielvogel machte ein Geräusch mit seinen zur Lautproduktion bestimmten Organen, welches überaus peinsame Empfindungen im Beiwohnenden erweckte.
Was sicher auch nicht gut formuliert ist. Aber wenigstens den Ruch des Billig-Journalismushaften vermeidet.
Wie auch die Prägung: “Billig-Journalismushaft”.
Kein Mensch redet so!
Noch nicht einmal ein Journalist.
Aber zurück zum Text.
Doc Spielvogel führt sich auf wie ein Geistesgestörter, wie ein Kind, das man zu lange heiß gebadet hat. Irgendwann reicht es Bob. Er steht auf. Er sieht auf den Psychotherapeuten hinab und sagt:
“Wird langsam Zeit, dass wir Schluss machen, was?”