Sorry, too

Mai 14th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Straße war vereist, es hatte letzte Nacht geschneit, und ich war benommen. Die Rückenoperation hatte nicht den gewünschten Erfolg gebracht, ich bestand immer noch zur Hälfte aus prasselndem, wütendem Feuer. Darum musste ich Schmerzmittel schlucken. Paracetamol. Wir waren auf dem Weg zu meinen Eltern. Mein Vater hatte wieder Blut gespuckt, und meine Mutter hatte am Telefon hysterisch herumgeschrien: “Dein Vater hat Blut gekotzt! Blut gekotzt!”
Natürlich war es keine kluge Entscheidung, darauf zu bestehen, dass ich führe. Eine Zeitlang habe ich Barbara ihre Passivität auch zum Vorworf gemacht. Ich habe innerlich mit ihr gehadert. Ich sagte mir: Hätte sie mich auf den Beifahrersitz verbannt, wäre sie heute noch am Leben. Vielleicht wäre ich tot, aber was machte das schon …
Mir war so, als könnte ich es nicht aushalten, die nächsten 80 Minuten still, von Schmerzen gekrümmt, neben Barbara zu sitzen und darauf zu warten, dass wir meine hysterische, dumme Mutter und meinen Blut spuckenden Vater erreichten. Darum hatte ich mich, alle Ratschläge der Vernunft in den Wind schlagend, hinters Lenkrad gesetzt.
Die Straße war vereist, wir fuhren durch ein Waldstück. Aus den Lautsprechern kam Miles Davis, “Seven Steps To Heaven”. Ist das Ironie? Der Wagen war neu, ich hatte gesagt: Nein, einen Mercedes brauchen wir nicht. Ist doch rausgeschmissenes Geld! Diese ganzen Sicherheitsfeatures, das ist doch Scheiße, reines Marketing, im entscheidenden Augenblick nützt dir der ganze Technikzinnober überhaupt nichts …
Die Straße war vereist, wie in diesem Fernsehspot, den Barbara so toll fand. Sie hatte mich gerufen, ich war gerade in der Küche gewesen, um mir den Spot zu zeigen. Wir hatten einen neuen, größeren Flachbildschirm, ein Geschenk ihrer Eltern zu Weihnachten. Ich hielt eine halb geschnittene Gurke in der Hand, und sie sagte zu mir mit einem breiten Grinsen: “Das musst du sehen, Dirk!”
Ein Auto, unterwegs auf einer winterlichen Strecke, in einem Waldstück. Plötzlich taucht neben dem Fahrer eine Gestalt auf, die an den Imperator aus “Krieg der Sterne” erinnert. Schwarze Kapuze, bleiches Gesicht. Der Tod. Der Tod wendet dem Fahrer sein Gesicht zu und sagt: “Sorry.”
Schnitt. Forstarbeiten im Wald, ein Baumstamm wird gerade per Kran in die Höhe gehievt. Der Wagen brettert darauf zu, es ist zu spät, der Baumstamm wird genau durch die Windschutzscheibe schmettern, es ist vorbei, hoffentlich hat der Fahrer sein Testament gemacht, das war’s … doch der Mercedes greift ein. Bremst in letzter Sekunde. Vor einem wankenden Baumstamm in Fahrerkabinenhöhe.
Der Fahrer wendet sich dem Imperator zu und sagt: “Sorry.”
Der Tod ist natürlich enttäuscht.
“Toll, oder?” Barbara ist begeistert, hüpft auf unserem weißen Sofa auf und ab.
Ich sage: “Na ja, ganz witzig.” Ich halte die Gurke hoch, um zu verbergen, dass ich kaum lächele. “Ich mach mir mal den Salat, dann komm ich, ja?”
Und jetzt ist die Straße vereist, wir sind zwischen Bäumen unterwegs. Keine Forstarbeiter weit und breit. Nur Miles Davis. Etwas leise, allerdings. Ich beuge mich vor, um die Musik lauter zu stellen. Herbie Hancock an den Tasten. Wahnsinn …
“Vorsicht!”
Barbara.
Ich sehe zu Barbara hinüber.
Barbara starrt schocksteif auf die Straße.
Ich schaue ebenfalls auf die Straße.
Der Daihatsu reagiert nicht.
Ein Bär.
Da steht ein Bär auf der Straße! Als würde er uns erwarten.
Wie kommt denn, verdammte Scheiße, ein BÄR auf eine Bundesstraße?
Und, frage ich mich bald darauf, stöhnend, Blut in den Augen, wie kommt ein Bär in mein Cockpit?
Das Tier lebte noch. Mit einem Biss zerfetzte es Barbaras Hals. Sie wäre auch ohnedies gestorben, aber das setzte dem Fass die Krone auf, sozusagen. Dann gab das Vieh nur noch ein sanftes, enttäuschtes Grunzen von sich. Und verschied.
Ich robbte in den Straßengraben, tippte die Notfallnummer in mein Handy. Von meinen Rückenproblemen merkte ich in dem Augenblick nichts. Ich hab auch seitdem nichts mehr davon gemerkt. Ich war geheilt! Die Seele ist ein komisches Ding.

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