Vor dem Naturgesetz
Mai 26th, 2011 § 2 Kommentare
- Aber wie kam er denn nur auf die Idee, er müsse ein Genie vom Kaliber eines Newton oder Pythagoras sein? Einer, der ein ehernes Naturgesetz entdeckt? Wie kam so eine monströse Sehnsucht in seinen Kopf? Eine unwiderlegliche Entdeckung, endgültige Geometrie – etwas, nach dessen Entdeckung nichts mehr so war wie zuvor … ein paar Zeilen in einem Notizbüchlein in dunkelgrünem Kunststoffeinband, zur Hälfte unleserlich, vielfach durchgestrichen oder durch Skizzen verdeckt …
- Keine Ahnung, brummte Bob Macha. Das hat doch alles nichts mit einem Notizbuch zu tun – er war halt verrückt! So sind Verrückte nun mal!
Aber seinem Begleiter schien das zu wenig zu sein. Zu wenig Erklärung, zu wenig Ekstase, zu wenig Enthusiasmus:
- Ein Rebell, rief er, ein Geistesriese, ein Umstürzler wie Luzifer, nur in Anständig … oder wenigstens doch indifferent, eines seinerseits entsetzlichen Gleichmuts voll: So verbogen sah er sich.
Bob Macha grunzte und stopfte sich noch ein paar Pommes in den Schlund. Die Finger wischte er sich am Saum seines Jacketts ab. Mampfend fragte er:
- Warum konnte er nicht einfach in seinem Sessel sitzen und der Sonne dabei zusehen, wie sie über den Horizont wandert?
- Ja, wahrlich! Metepsilonema, der überspannte Grieche, blieb stehen und rang die Hände. Er hätte so schön sein können, dieser ewige Nachmittag, dieser niemals wirklich endende Nachmittag mit warmem Tee; die leisen Schritte der Bediensteten in den angrenzenden Zimmern … Warum sträubte sich etwas in ihm dagegen, sein Dasein einfach zu genießen, auf animalische, still-vergnügte Art? War das denn Sünde?
- Na, na, Sünde, machte Bob Macha, stattlich und feist stehen bleibend in seinem weißen Anzug, dessen Schöße vom Wind feierlich hochgehoben wurden, die Sicht frei gebend auf seinen verdreckten Hintern. Steigern Sie sich doch in all diese Dinge bitte nicht so rein, mein Freund!
Jedoch! Es war vergebliche Liebesmüh’, an Mäßigung zu appellieren bei einem, dessen wahres Maß das Unmaß war! Metepsilonema, dem von der Wissenschaft abgefallenen Wissenschaftler, dem an der Poesie verzweifelnden Poeten, dem über den Irrsinn stracks hinaus gewanderten Irren, war Besinnung zu wenig; in einer krampfhaften Aufwallung ließ er sich auf seine Knie fallen.
- Autsch, machte Macha leise.
Es war fast ein Heulen, als Metepsilonema seine Stimme aufs Neue erhob:
- Warum drängte es ihn so zu Kampf, Krampf und Kollision? Immer bäumte etwas in ihm sich auf, dem Himmel entgegen, wo das Licht war – wie von einem unbändigen Schmerzgefühl genötigt, krümmte sich seine Wirbelsäule … Der Kniende fuchtelte mit den Händen. Jener Stachel in seinem Fleisch, er war ja leicht in Worte zu fassen: Seine eigene Lebensform, alles, was er konnte, erschien ihm so lachhaft geringfügig. Verächtlich, geradezu. Nur das Fremde, das, was außerhalb seiner Reichweite lag, war wert, es zu besitzen. Auf seine eigenen bescheuerten Erkenntnisse konnte er getrost verzichten! Das alles hätte er lässig hergegeben für eine einzige wirklich scharfe, mathematisch präzise, herleitbare, in Formeln gepackte Einsicht. Aber von dieser makellosen Sphäre war er nun einmal ausgeschlossen …
Bob Macha hatte schon eine ganze Weile an Metepsilonemas Arm gezerrt, um ihn wieder auf die Beine zu bekommen. Nun ließ er ab und trat einen Schritt zurück, das Kinn reibend, den Kopf wiegend:
- Vielleicht daher seine Sehnsucht nach Statuen? Ihre Glätte und tödliche Kühle erschien ihm köstlich, wenn er seinen Geist durch den Garten der Illusionen in seinem Hinterkopf wandern ließ. Wie gern hätte er seine Stirn an diesen unnachgiebigen Marmor gelehnt … überhaupt, in ihm war alles so feucht, so tropisch, dampfig-wuchernd und luxuriös. Nichts von spinozistischer Einsträngigkeit! Eher erinnerte er an Byron, den verrückten Romantiker, als an einen Algorithmus oder einen Computerausdruck. Wo war das Muster, das pattern, an dem nicht zu rütteln war? Er, Georg G. Georgij, war ein Mann der Bilder, laufender Bilder, die überdies tönten. Er war ein Freund von Szenen, von Stimmen, Gesten und Lächeln. Das starre Auge der Wahrheit war ihm ein wenig zu starr. Wirklich zog er der Leblosigkeit die Dummheit vor – wenn’s denn Dummheit war. Und übrigens, was spricht gegen die Dummheit? Einen Vorteil hat sie doch mit Garantie: Verlässlichkeit.
Macha hielt inne; er blickte hin auf den verzückten, verrückten Griechen. Metepsilonemas Augen rotierten schimmernd. Er kniete da im Staub, die Hände vor seinem bebenden Mund gefaltet. Er sagte:
- Schön hast du das gesagt, Bob!
- Ja, da hab ich mir ganz schön einen rausgeschraubt!
ein paar Zeilen in einem Notizbüchlein in dunkelgrünem Kunststoffeinband, zur Hälfte unleserlich, vielfach durchgestrichen oder durch Skizzen verdeckt …
Konvergieren denn hier nicht gerade Poesie und Wissenschaft? Ist´s nicht ganz gleich, ob da Eichendorffs Zauberwort oder die Weltformel stünde?
Ja, das stimmt wohl. Aus dem Blick aus dem Kopf aufs Büchlein läuft das wohl aufs selbe hinaus. Wenn man sich diesen Blick mal als Foto vorstellt, dem einige warme, überschwengliche Gefühle hinterlegt sind. Nur ist der eine Blickende ein Riesentyp, der die Liebe unter den Menschen fördern möchte unter Einsatz seines Lebens, während der andere, als recht inhumanes Arschloch, nur die Auslöschung der Gattung Mensch im Sinn hat … so jedenfalls wird andernorts über diese Frage diskutiert.