Sich wappnend gegen ein Meer von Scheiße
Mai 30th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Da war die Stille, die ihn umflutete, und das war schön, unbeschreiblich angenehm, aber dann kamen die Bilder, und diese Bilder waren wirklich nicht auszuhalten. Der Stress, den sie ihm verursachten, riss Bob Macha aus seinem Schlaf. Sein panischer Herzschlag prasselte in seinen Ohren, wie er plötzlich da lag, ruckartig auf dem Rücken, hineingebeamt in diesen strahlend weißen Raum, und er dachte über die Bilder nach. Er konnte an gar nichts anderes denken, obwohl in seiner Nase ein überwältigender, betäubender Scheißegestank lag. Aber die Bilder legten sich über diesen dicken, widerwärtigen Geruchsteppich, wie Projektionen auf einer Felswand, und nahmen sein Gehirn in den Schwitzkasten. Es waren keine Träume. Die Bilder waren wohl aus dem Stoff, aus dem auch unsere Träume sind, aber sie waren zugleich intensiver, stärker, bedrohlicher. Sie waren wie Infusionen, wie Wörter, die in die Blutbahn gelangten und das Gehirn affizierten mit Wünschen und Begierden. Teuflisches Zeug.
Bob setzte sich auf, was nicht nur Willensstärke und Kraft, sondern auch einige Zeit in Anspruch nahm, und schwang die Beine nach rechts, über den Bettrand. Der beabsichtigte Effekt trat ein: Die Bilder kippten in seinem Kopf nach hinten, wo sie außer Sicht waren, auch wenn sie nicht restlos verschwanden, sondern sich als beunruhigende Präsenz weiterhin bemerkbar machten.
Sie waren da, das wusste er.
In seiner rechten Armbeuge steckte ein Schlauch, eine Kanüle, die zu einem leeren Plastiktropf an einem Ständer hinaufführte. Bob zog sie heraus. Er wollte sich schon auf den Boden gleiten lassen, bremste sich jedoch in letzter Sekunde. Angeekelt zog er seine Füße zurück. Der Boden war bedeckt mit einem dicken, schleimigen, blasigen Film von Kot, der an der Oberfläche stellenweise schon ausgehärtet war.
Pisse, murmelte Bob. Was ist denn das nun wieder?
Ein sonniger Tag draußen, hell kam das kühle Licht herein. Und Bob Macha hockte in einem weißen dünnen Kittel auf der Kante eines Krankenhausbettes, in einem totenstillen Raum, dessen Boden überflutet war mit Scheiße. Stockwerk: hoch droben. Mit weitem Blick über Häuser, grüne Parks und sonnenblitzendes Gewässer.
Bob blinzelte in Richtung des Fensters, dessen Scheibe halb blind war von Staub und Sonnenlicht. Das da draußen, das musste die Großstadt sein. Er erinnerte sich. Er war in der Großstadt gewesen, und dann kam diese Epidemie, diese furchtbare Seuche, diese Plage … sie hatten einen großen Beitrag für den Blogozentriker machen wollen, das war die Ausgangslage gewesen, und er war zum Recherchieren …
Er war zum Recherchieren – WAS?
Er hatte recherchieren wollen. Daran erinnerte er sich. Aber was war dann passiert?
Während er mutlos in seinem Gedächtnis kramte, tauchte ein Bild vor ihm auf. Ein Wasserhahn, ein modern geformtes, aber billiges Ding, angebracht am Waschbecken der Redaktionstoilette des Blogozentrikers. Der Wasserhahn lief vorne in eine Schlaufe aus. In die hatte Bob immer mit seinem kleinen Finger eingehakt, um den Hahn nach oben zu ziehen und dadurch die Leitung zu öffnen. Das fiel ihm jetzt ein, ausgerechnet dieses niemals beachtete Wahrnehmungsdetail aus dem Hygienealltag seines Zeitgeistmagazins kam ihm in den Sinn. Dieser Scheiß. Es war eines dieser Details, für die er am Ende einfach keine Aufmerksamkeit mehr gehabt hatte, weil er so von den wichtigen, wirklich spannenden Themen in Anspruch genommen gewesen war.