Synchronsprechblasen

Mai 31st, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

„Und? Hast du wieder so eine dreckige Schlampe gebumst?“
Mit einem Stöhnen zerrte er sich das weiße Hemd vom Leib. Sie wollte noch etwas Bissiges sagen, doch sie brachte nur ein: „Mein Gott!“ heraus.
Sein muskulöser Oberkörper war von Striemen und Wunden übersät, und auch über seiner buschigen rechten Braue klaffte ein tiefer roter Schnitt.
„Ich hab ein paar Schlampen platt gemacht, Sweetheart, aber bestimmt keine flach gelegt!“
Sie griff nach seinem Glas, das er auf dem Rand des Marmorwaschbeckens platziert hatte, und nahm einen Schluck von seinem Martini.
„Wenn du’s genau wissen willst: Ich bin vier Stockwerke durch das Treppenhaus eines Museums gekracht, im Würgegriff eines Riesen mit Stahlgebiss; ich bin von einem Kette rauchenden Psychopathen aus Moskau mit einem Teppichklopfer vergewaltigt worden; und am Ende gab’s eine gewaltige Explosion – dort, wo heute früh noch die Docks von Bangkok waren.“ Er grinste wie eine Raubkatze, der man eine Spritze mit Adrenalin verpasst hat. „Es ist echt pervers. Der Markt ist momentan überschwemmt von Schwarzarbeitern des Todes … Mann, wo ist denn schon wieder das verf*#!?te Jod?“
„Rechts“, sagte sie, und er öffnete die andere Seite des Spiegelschranks.
„Das Schlimmste von allem aber ist diese Retro-Scheiße. Stell dir vor, sie haben mich sogar wieder in den Aston Martin gesteckt. Keine Gimmicks und Fernsteuerungen mehr, sondern geschwollene Augen und blutige Fäuste, wie in der guten alten Zeit!“ Tränen schossen ihm in die Augen, als er das Jod über seine Wunden goss. „Nur ist die gute alte Zeit heute leider die bes*#!?ene neue Zeit!“ Hart stellte er das Fläschchen ab. „Ich kapier’s nicht: Die Technik wird von Tag zu Tag grandioser, und ich muss die ganzen Gegner mühsam in Handarbeit erledigen. Ich sag dir, diese Globalisierungssch*#!?e frisst uns noch alle auf!“
„Dann schmeiß die Brocken doch einfach hin!“, rief sie aus.
Er nahm ihr den Martini aus der Hand. Sie wurde von einem Schluchzen geschüttelt. Ungerührt sagte er: „Schatz, einer muss schließlich dieses Designer-Badezimmer hier bezahlen, oder?“
„Ach, komm“, winkte sie ab. „Das hab ich doch alles bei diesem Internet-Badshop gekauft, internetbad.de. Wirklich wahnsinnig günstig, prima Lieferservice, und montiert haben sie auch noch alles in Rekordzeit.“
Er stockte. Er sah sie an. Kniff die Augen zusammen.
„Machen wir jetzt hier etwa auch schon Schleichwerbung auf dem Blogozentriker, sag mal?“
Aus dem Off kam die Stimme des Aufnahmeleiters, ursprungslos und universal und hohltönend wie die Stimme eines wahnsinnig gewordenen Götzen:
„HALLO! BITTE EINFACH WEITER MACHEN!“
Sie zuckte die Achseln, mit einem bedauernden kleinen Lächeln in seine Richtung.
„Das ist ja zum Kotzen“, murmelte er.
Ein Skriptgirl mit Kopfhörern schoss heran und drückte ihm ein bedrucktes Blatt Papier in die Hand. Und machte, dass sie wieder aus dem Bild kam.
„KLEINE TEXTÄNDERUNG, BOB. LIES JETZT BITTE DIESEN TEXT STATT DES URSPRÜNGLICH VORGESEHENEN.“
Er überflog die neuen Sätze. „Ist das euer Ernst?“
„MACH“, sagte die Off-Stimme. „ES GIBT VERDAMMT VIELE ARBEITSLOSE SCHAUSPIELER DA DRAUSSEN!“
Er las den Text schnell noch einmal, wobei sich seine Lippen bewegten, dann sagte er: „Und dein Diamantring da, Schätzchen? Wovon soll ich solche kleinen Mitbringsel aus der Bond Street bezahlen, wenn ich nicht mehr im Geheimdienst Ihrer Majestät tätig bin?“
„Ach“, sagte sie, und ein schwärmerisches Lächeln floss über ihr Gesicht, „es muss doch nicht immer Swarovski sein! Zum Beispiel begeistert juweliershop.de jede Woche mit zahlreichen unschlagbaren Sonderangeboten, die auch in puncto Qualität echte Glanzlichter sind …“
„MOMENT“, kam da die ferne, hallende Stimme herab. „DAS MÜSSEN WIR GLEICH NOCH MAL MACHEN. BITTE STATT ‚ECHTE’ DIESMAL ‚WIRKLICHE’ SAGEN.“
Sie sahen sich an, den Martini zwischen ihnen.
„AUS RECHTLICHEN GRÜNDEN.“

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