Dieser Dramaturg war offensichtlich …
Juni 1st, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
… verrückt geworden. Er schickte mir nach und nach Material für mehr als 16 Stunden. Minimum. Wir hatten so anderthalb anvisiert. Anfangs las ich mir die Texte noch durch, das ganze wilde, wirre Zeug, vom Dialog bis zum verzweifelten Schreifragment. Irgendwann gab ich auf. Ich saß nur noch da, auf meinem Bett in Düsseldorf, und schaute durchs offene Fenster. Unten lärmte die Straße frühlingshaft. Ich fragte mich, was ich nur angestellt hatte, dass ich immer an solche Geisteskranken geriet. Ursprünglich hatten wir davon gesprochen, ein Projekt über die Reibung von Provinz und Global Village zu machen. Also echtes Kaff vs. elektronisch hergestelltes. Das war unsere Ausgangsidee gewesen. Man hatte uns ein Kino als Aufführungsort zur Verfügung gestellt, und darum war ich auf den Einfall gekommen, das Projekt WAITING FOR GODARD zu nennen. Die Frage: Wie viel Theater geht heute noch? Wie viel Beckett geht noch? Geht überhaupt noch was? Ohne Godard? Ohne Dekonstruktion, Einklammerung, Infragestellung, Umwurf in Permanenz? Konnte man noch Theater machen, ohne alles, einschließlich seiner selbst, komplett umstülpen zu müssen? Oder sich selbst immer und immer wieder auszukotzen? Und wie oft konnte man sich auskotzen, bis man nur noch ein stinkender Brei war? Warum entwirft man, fragte ich mich laut, in einer Provinz seine Lebensläufe immer mit dem Geodreieck? Zwischen Geburt, Hochzeit und Tod? War es nicht aber mindestens so verzweiflungswürdig, auf einem Bett in Düsseldorf zu sitzen, in einer Wohnung, die man sich kaum leisten konnte, und die Aufzeichnungen eines Irren durchzulesen? Auf der Suche nach dem verlorenen Einfall? Tauchend nach der Perle am Grunde eines bizarren Schlammmeeres? Irgendwie war mir schlecht, und ich holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank, obwohl es noch nicht mal Mittag war. Ich versuchte mir vorzustellen, was dieser Dramaturg jetzt trieb, da draußen in seiner persönlichen Wildnis. Ob er sich Nägel in den Kopf hämmerte. Oder weiter seinen Stuss in die Tasten klopfte. Beides war ja möglich. Ich sah in seinem Fall keinen großen Unterschied. Wenn einer durch ist, ist er durch.