Vorsicht, nicht belasten: Hohlkörper!
Juni 1st, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Das Ende ist nah, sagte er, und ich sah jedes einzelne Barthaar in seinem speckigen weichen Gesicht zittern. Das Ende ist nah, nah, nah. Seine Augen waren geweitet, blass und groß, die Augen eines erschreckend hellsichtigen Idioten. Fahle Augen. Er roch wie zwei Wochen alter Abfall, aber irgendetwas an seinem verklebten, dreckigen Trenchcoat flößte mir Vertrauen ein. Das zerrissene, widerliche Basecap. Die Senf- und Mayonnaiseflecken am Kragen. Insgesamt war er lächerlicher als ich. Er wäre es auch gewesen, hätte er nicht vier, fünf Aldi-Tüten krampfhaft in seinen Händen gehalten. Das war ein Mann, der niemandem etwas vormachen musste, der kein Motiv hatte, mich anzulügen. Es lag auf der Hand, dass er mir nichts zu verkaufen hatte. Er sprach zu mir, wie er zu Gott oder zu einem Baby gesprochen hätte. Die Wirkung dieses Gefühls von Reinheit war so stark, dass ich ihn unwillkürlich umarmte. Seit Jahren schon hatte ich mich keinem Menschen mehr so verbunden gefühlt. Brüderlich. Das war das Wort, das meine Empfindungen für ihn präzise beschrieb. Aber sein Gestank raubte mir den Atem. Beinahe hätte ich gekotzt. Ich ließ ihn schnell los und drehte mich zur Seite. Er sagte: Das Ende ist nah, nah, nah. Und ich sackte in die Knie, bog mich nach vorn. Und ließ den Inhalt meines Magens auf die U-Bahn-Gleise stürzen. In der Ferne sah ich schon die knopfkleinen Lichter des Zuges, die um die Ecke schwebten. Tränen verschleierten meine Sicht. Das Ende ist nah.