Lähmung aus der Lamäng

Juni 7th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

- Na ja, nee. Ich versuchte clever zu sein, aber ich war’s nicht. Ich hab das Talent nicht. Das Erfolgstalent. Es gibt ja ein eigenes Talent, Dinge so zu deichseln, dass sie unweigerlich zu einem Erfolg werden. Ich stolpere aber immer über meine übermäßige und unangemessene emotionale Beteiligung. Lachhaft. Mir fehlt völlig das Strategengehirn, wenigstens in dieser Hinsicht. Okay, in jeder anderen Hinsicht auch … Wenn sich mal eine Chance bietet, trete ich mir selber in den Arsch. Es ist fast, als lehnte ich es ab, in Sachen der Kunst, der Literatur strategisch vorzugehen. Ich bin da wirklich ein Idiot, es ist zum Verzweifeln. Entweder Sie lachen drüber und erfreuen sich daran wie an einem makellosen Slapstick, oder Sie verzweifeln. Soll ich Ihnen was sagen? Ich bin verzweifelt. Ich wollte so ungeheuer gern auch mal erfolgreich sein, die Dinge so aus dem Ärmel schütteln, wissen Sie, so, wie andere das …
Der Blogozentriker schlenkert seine Hand, und ich kann gerade noch sein Milchglas festhalten, bevor es vom Tisch fällt.
Die Bedienung schaut zu uns herüber.
- Alles in Ordnung da drüben?
- Ja, alles klar, sage ich. Mein Freund ist nur, er ist aus Versehen gegen sein Glas gestoßen. Ich wische die verschüttete Milch mit einer Papierserviette aus dem Halter auf. Ist aber alles in Ordnung.
- Der soll nicht so rumzappeln, der Spast, sagt die Bedienung, deren große Brüste unter dem engen gelben Kittel gut zu sehen sind. Der ist so kurz davor, hier Lokalverbot zu bekommen!
Sie zeigt mit Daumen und Zeigefinger an, wie dicht das Lokalverbot bevorsteht. Ziemlich dicht.
- Alles klar, sage ich mit tapferem Lächeln.
Sie wirft uns noch einen mitleidig-genervten Blick zu, dann beugt sie sich hinab und rechnet mit ihrem stumpfen Bleistift irgendwas auf ihrem Block zusammen. Dabei wackelt ihr Kopf in stummer Ablehnung hin und her.
Der Blogozentriker hat sein Gesicht abgewendet; er ist rot geworden.
- Sehen Sie, murmelt er, das mein ich. Genau das mein ich! Das ist bei mir Normalzustand. Ich bin doch wirklich ein … vielleicht begreifen Sie jetzt, warum ich mich selber oft nicht aushalte und dann …
- Aber, ist doch nicht so schlimm. Ich lege meine Hand auf seinen Arm. Hey, das passiert doch mal!
- Mal, ja! Der Blogozentriker schaut auf, fixiert mich mit trüben, traurigen braunen Augen. Mal kann das passieren. Türlich. Aber mir, mir passiert das in einer Tour! Ist doch echt zum Kotzen.
- Du wärst einfach gern mal ein normaler Mensch, Blogo, oder? Ich meine …
Tiefe Stille herrscht in dem kleinen Café. Nur das rhythmische Ticken einer dicken schwarzen Fliege an der Frontscheibe ist zu hören, wie das Ticken einer Uhr. Ich nippe an meiner Tasse Kaffee. Verstohlener Blick auf die Armbanduhr. Mein Mann und die Kinder warten. Und ich sitze hier und führe kein Interview. Irgendwie kann ich die Bedienung sogar verstehen. Plötzlich bewegt sich der Blogozentriker doch noch einmal.
- Wär schon schön, ja, sagt er leise.

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