Wissen, was blöd ist: TEDdys
Juni 8th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Wow, yeah, huh! TED wird wieder einmal Vater! Ein weiterer Ableger des legendären kalifornischen High-Potential-Quasselzirkusses erblickt in wenigen Tagen das Licht der Welt. Nach TEDx, TEDMED, TEDGlobal, TEDIndia und vielen anderen wird jetzt eine besonders vielversprechende Franchise-Unternehmung gelauncht: TEDdys, die dysfunktionale Variante der TED-Konferenz, wird zum ersten Mal am nächsten Samstag in Hamburg, Niedersachsen, abgehalten. TEDdys soll laut Presseerklärung „allen Volldödeln der Welt Gelegenheit geben, ihren Senf auf die Kackwurst globaler Wichtigtuerei zu schmieren“. Keynote Speaker Bob Macha, geladen, um über das Thema: „Gescheiterter Schriftsteller – so mach ich’s richtig!“ zu referieren, faselt sich vorab schon mal in Begeisterung.
Es sei „eine absolute Herausforderung, dieses Megaevent zu eröffnen“, schwadroniert das „Urgestein der Sprechblasenentleerung“ (SPIEGEL). „Ich meine, ich komme gerade aus Tel Aviv, ist ja klar, die nächste Station wird L.A. sein, da rede ich über: ‚Die Odyssee des Drehbuchschreibers – wo liegt dabei Troja?’ Danach dann Katar, ‚Die Ethik des dreizehnten Kamels’. Wobei es dabei gehen soll, ist mir völlig schleierhaft. Das Schwierigste ist aber sowieso, sich immer diese Titel auszudenken.“
Wir befinden uns im Headquarter der FIFA in Zürich, während ich diese Zeilen aufgeregt in mein Netbook tippe. Bob Macha hat hier einen Zwischenstopp eingelegt auf seiner „Neverending Nerventorturtour“ (BUNTE), um den Katar-Auftritt zu besprechen. Er hat glasige Augen, er trinkt einen Kaffee nach dem anderen, wirft die leeren Plastikbecher übermütig durch den Ostteil der Cafeteria. Die Herren mit den blütenweißen Anzugwesten an den Nebentischen schauen indigniert. Sie trauen sich aber nicht, etwas zu sagen, sie sind froh, dass einstweilen kein Skandal auf der Agenda steht. Sepp Blatter rauscht vorbei, von Westen kommend, und klopft en passant dem „Sprachrohr der Bewegungslosigkeit“ (STERN) auf die Schulter: „Guter Mann! Nur n bisschen korrupt, hähähä.“ Zu mir: „Nehmen Sie sich in acht, Sportsfreund!“
Bob Macha blickt ihm nach, kippt einen weiteren Kaffee, holt sein Notizbuch aus der Innentasche seines Jacketts. Dann sitzt er da, starrt vor sich hin. Betäubt sieht er aus, ratlos. Ratlos und rastlos, um es mal so zu sagen. Ein Mann ohne Sinn und Zweck. Dann hellt seine Miene sich auf, und er zieht aus der Seitentasche seines Sakkos einen Kerzenstummel.
„Wenn ich mal nicht weiterweiß“, erzählt er mir doch allen Ernstes, „dann seh ich mir immer diesen kleinen Klumpen Wachs mit einem Docht in der Mitte an, Holger. Ich trage das Ding seit fünf Jahren immer bei mir. Wissen Sie, was diese Kerze für mich ist?“
„Nein.“
„Ein Symbol für Erleuchtung.“
„Sie könnten auch ne Glühbirne nehmen“, sage ich.
„Stimmt schon. Ist aber nicht besonders innerlich.“
„Und sehr zerbrechlich.“
„Sie sagen es. Scheißzerbrechlich!“