Actionhero

Juni 9th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich hatte insgesamt 93 Minuten Zeit, um die Welt zu retten. Das war schon Stress, zumal ich ausgerechnet an jenem Tag, einem Dienstag, nicht gut drauf war. Und 90 Minuten, das ist auch nicht die Welt, auch wenn’s um die Welt und ihr eventuelles Ende geht. Ich hatte nicht besonders gut geschlafen, weil meine Frau mich verlassen hatte. Ich meine, ich kann’s ihr nicht verdenken. Seit dem Tod unseres gemeinsamen Sohnes war ich in Depressionen und Alkoholismus versunken. Irgendwann sagte sie: Du, das halt ich nicht mehr aus, Bruce, wie du dich und unseren gemeinsamen Traum zugrunde richtest, ich bin weg. Okay, sagte ich. Ich rief es ihr nach, durchs Treppenhaus, laut genug, dass alle Nachbarn es hören konnten, dass ganz Queens es hören konnte. Ich rief: Verpiss dich, du blöde Fotze! Ich brauch dich nicht! Ich komme auch ohne dich klar, und zwar ganz hervorragend, du Nutte!
Bisschen pathetisch, bisschen rotzig, okay, klar. Ich war aber auch wirklich schlecht drauf. Und blau war ich auch. Ich war davon überzeugt, dass es einen anderen gab. Einen anderen Mann, vielleicht einen feschen Chirurgen, in den sie sich verliebt hatte. Okay, seit dem Ende der 92 Minuten Weltrettungsprogramm, als ich sie auf dem Krankenhausflur wieder im Arm hielt und wir uns sagten, dass wir uns lieben, da weiß ich ja, dass das Quatsch war. Paranoia. Säuferparanoia. Demnächst gehen wir mal wieder aus. Auschecken, ob die alte Faszination noch da ist. Ob’s die Magie noch gibt. Sie wissen schon. Das, was uns einst zusammengekettet hat. Vielleicht produzieren wir auch wieder ein Kind. Mal sehen.
Okay, also, da waren diese Terroristen. Sie sahen eher nahöstlich aus, könnten aber auch, was weiß ich. Vielleicht waren das auch Afghanen. Weiß man ja nie so genau. Die sehen sich ja doch alle ziemlich ähnlich, diese Kameltreiber, wenn ich das mal so sagen darf. Ich meine, wir sind ja unter uns, sind n bisschen hemdsärmelige Typen. Da kann man ja auch mal ein offenes Wort sprechen. Oder? Die hatten eine Atombombe in New York versteckt. Mitten im Nabel der Welt. Im Hauptgebäude der UNO. Wenn diese Bombe hochgegangen wäre, wär’s natürlich aus gewesen. Jeder hätte jeden verdächtigt, und dann: Wiedersehen, Willi! Das waren also wirklich ziemlich fiese Scheißer, will ich damit sagen.
Wie ich diese Bombe dann gefunden und entschärft habe – das kann ich gar nicht mehr so genau sagen. Das müsste ich im Detail jetzt selbst noch mal nachlesen, im Drehbuch. Das ging nämlich alles ziemlich schnell. Rasant schnell. Ich war von der ganzen Pyrotechnik voll in Anspruch genommen. Und dann die Verfolgungsjagden, dauernd von einem Kleintransporter zum anderen springen, sich überschlagen, die Einbahnstraße verkehrt herum runter. Das hält einen ganz schön auf Trab. Und diese Kameltreiber, die gleichen sich ja auch alle wie ein Ei dem anderen. Haust du den einen um, steht er gleich wieder da, in einem anderen Anzug! Eines nur war klar: Trauen konnte ich niemandem. Plötzlich entpuppte sich sogar ein alter Geheimdienstmann als Terrorist! Hält der mir doch glatt seine Dienstwaffe ins Nasenloch und sagt: Schön ruhig, Kleiner! Finger weg von der Bombe! Da dachte ich kurzzeitig schon: Scheiße, was ist das nur für ein Mist, in den ich da wieder geraten bin! Und die ganze Sache noch so halbverkatert.
Na ja, ist ja gut gegangen. Ende gut, alles gut. Sagt man nicht so? Eben. Was soll’s.

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