Pole Position
Juni 13th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Er trug ein schwarzes Cordjackett, und wie er da seitlich vor dem Portal der Marienkirche stand, mit der rechten Hand an eine Linde gelehnt, und mit der Linken die ausziehbare Leine seines Dackels hielt, den Kopf leicht nach vorn gestreckt, die Stirn mit den düsteren Brauen gesenkt, gegen das schräg fallende Licht der Sonne blinzelnd, wäre kein Mensch auf die Idee gekommen, er könne ein Killer sein, dieser bis auf die Koteletten sorgfältig rasierte Mann. War er auch nicht. Er war ein Journalist, der leichthändig leichte Kost schrieb, hauptsächlich für eine Unternehmensberatung flink zusammengelogene Beiträge über die Unvermeidlichkeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, Fingerzeige für Wege aus den allgegenwärtigen Krisen. Söldnerwerk. Er verachtete, was er tat. Doch da niemand von ihm verlangte, dass er seinen Namen unter diesen geballten Unsinn setzte, gab er sich dafür her. Und war nur ein Geist, der in Zeichen pro Stunde dachte, und das Preis-Leistungs-Verhältnis war beachtlich. Wenn er in der Woche zwei Tage arbeitete, war es viel. So konnte man doch leben! Mit dem Espresso auf der Straße, elegant, die Wochenzeitung aufgeschlagen, die Füße in den handgearbeiteten Schuhen verschränkt, über dem geöffnetem Hemdknopf dösend, während der professionelle Scanner in den Augen verfolgte, was sich auf den Märkten der Welt tat. Mit leisem Klicken registrierte das Hirn die wesentlichen Umbrüche. Drei Kinder hatte er, von drei Frauen, eine von ihnen war eine Schauspielerin. Diese Verteilung war weniger Ausdruck eines liederlichen Lebenswandels als Symptom eines nie erlahmenden Elans, was die Hoffnung auf feste Verhältnisse anging. Immer wieder zerbrach ihm das große Familienglück; er war, anders als sein Vater, dafür anscheinend nicht geschaffen. Er war eine Patchwork-Existenz. Das passte ganz gut in eine Zeit, die innerhalb von zwanzig Jahren vom Notizheft aufs Netbook umgestiegen war, darum belastete es ihn nicht allzu schwer. Seine Freunde teilten sein Schicksal. Das war die Hauptsache. Man war Repräsentant seines Zeitalters, auch wenn man selbst vielleicht das Gefühl hatte, für gar nichts zu stehen und ganz leer zu sein.