Zu groß, zu dick, zu lange Arme
Juni 13th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Ja, so müsste man es wohl machen, sagte der Dramaturg und spuckte in die Asche, in der noch eine schwächliche Glut glomm, tief am Boden der Abgebranntheit, grau und betäubt und schwach, wie die Morgensonne sich am Tag nach der Apokalypse aus dem Nichts erhebt. Der Dramaturg rieb die Hände aneinander, dann strich er sie an den Oberschenkeln seiner Armeehose ab. Als er auf sie hinunter sah, ein zu großer, zu dicker Typ mit zu langen Armen, stellte er fest, dass sie nach wie vor dreckig waren. Der Dreck ging einfach nicht ab, es war zum Verrücktwerden. Er kam sich vor wie Lady Macbeth. Oder vielleicht eher wie Caliban, dem man tüchtig in den Arsch getreten hat, immer und immer wieder, obwohl er nichts anderes tat als gehorsam Feuerholz herbei zu schleppen.
Wahrscheinlich war das ein besserer Vergleich.
Ich weiß nicht, sagte er. Natürlich hat es keinen Sinn, noch etwas zu machen, weil es noch etwas mehr über das Zuviel hinaus ist. Aber das wissen Sie ja. Sie pinkeln mit diesem Film in einen über die Ufer getretenen Fluss, obwohl den Leuten das Wasser längst bis zum Hals steht. Vielleicht sollten Sie sich lieber Gedanken über Ihre Verantwortung für die geistige Gesundheit der Menschen machen, Charlie. Immerhin sind Sie Künstler.
Der Regisseur, der sogar jetzt, in der tiefen Nacht im finsteren Wald, eine Sonnenbrille trug, wie aus Trotz oder als wäre es egal, weil es eh nichts zu sehen gab, was in der Vorstellung nicht besser war, hob den Kopf. Um den Hals hatte er ein rotes Tuch gebunden, gegen die Kälte, geziert vom Wappen seines Lieblingsvereins. Sein Hemd war schmutzig, die Brusttasche baumelte abgerissen herunter. Um seinen linken Oberarm war straff das Taschentuch des Dramaturgen gewickelt, fest gezurrt durch einen mächtigen Knoten und von Blut befleckt. Für die elenden Turnschuhe hatte der Regisseur mal ein Vermögen bezahlt, an der Croisette, um Eindruck zu schinden bei einer jungen Schauspielerin. Er wandte dem Dramaturgen, diesem nichtsnutzigen, haarsträubenden Lulatsch, die breite Fläche seines Antlitzes zu, seine gefurchte, kalte, von Stolz glatt geschmirgelte Visage, auf der sich hartnäckig ein Dreitagebart hielt, rußige Dornen. Er lächelte. Seine splitterigen Zähne hoben sich auseinander, und er sagte: Wir werden diesen Film machen, Bob. Wir machen diesen Scheißfilm!
Wenn wir hier je herauskommen, erwiderte der Dramaturg. Er zog aus einer Tasche an der Seite seines rechten Oberschenkels ein kleines Buch, in Kunstleder eingebunden, von einem ausgeleierten Gummiband mehr schlecht als recht zusammengehalten. Das Gummiband schnalzte, dann fingerte er mit einem Bleistift.
Was schreibst du denn da schon wieder auf.
Der Regisseur stocherte mit einem zarten, krummen Ast mürrisch in den Resten ihres Lagerfeuers herum.
Ich halt es fest, für die Nachwelt. Was wir besprochen haben. Der Dramaturg klappte sein Büchlein wieder zusammen und verstaute es. Um so besser, wenn wir selbst diese Nachwelt sind, sagte er.