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Juni 15th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Warum schreibst du denn? Was ist dein Motiv? Etwa die hehre Kunst? Aufklärung und Belehrung? Ein natürlicher Trieb, zu singen? Ha! Ihr Autoren, ihr wollt doch nur geliebt werden! Darum geht’s doch. Und um dieses Ziel zu erreichen, ist euch jedes Mittel recht – zur Not auch das Scheitern!
Das Scheitern? Bob nahm den Zahnstocher aus dem Mund. Wieso denn das Scheitern?
Nun, es erlaubt euch, euch selbst zu lieben – in der Pose des verkannten Genies.
Bob Macha gab einen Ach-so-Schmatzlaut von sich, beugte sich vor und faltete die Hände. Der Zahnstocher klemmte zwischen seinen Vorderzähnen und gab seiner Aussprache einen bissigen Touch. Er zog die linke Schulter etwas hoch.
Beim ersten Hören klingt das natürlich sehr einleuchtend, sagte er. Aber ich hab so meine Zweifel, mir ist das fast zu zynisch … etwas von der Selbstherrlichkeit des Kritikers spricht aus solchen Sätzen.
Der Kritiker lachte – ein herausfordernder, keifender Laut. DIR ist das zu zynisch? Bob? Dir? Is nich wahr.
Bob bewahrte die Miene eines Stoikers. Nur dass er mit seinem Zeigefinger gegen sein Wasserglas tippte, verriet die Anspannung. Und wenn, was du sagst, wahr wäre – dann wär’s mir ZU wahr.
Ach ja.
Der Kritiker lehnte sich zurück, seine Daumen trommelten auf den Tisch. Er grinste infam, aber die Maske zeigte feine Risse. Der Geist der Unsicherheit huschte hinter seiner Stirn hin und her. Irgendwie kam ihm seine Argumentation selbst gerade etwas zu sauber, zu stichhaltig vor.
Mit verbindlichem Lächeln beugte Bob sich vor: Gibt’s denn nicht auch die schiere Freude daran, mit den Mitteln einer Kunst — die im Wörterbuch versammelt, unterschiedlich dicke Pinsel oder auch der Meißel sein mögen — die Welt in eine neue Form zu bringen? Sich die Welt anzueignen? Oder noch mal anders: Irgendwie mit der Welt zurechtzukommen — könnte das nicht auch der Antrieb sein?
Warte mal. Der Kritiker stand auf. Ich muss pissen. Bin gleich wieder da!
Bob saß da und wartete. Er kam sich überflüssig vor, aber daran hatte er sich gewöhnt. Draußen, auf dem Vorplatz des Diners, pickte ein Vogel im Unrat, hüpfte in einen alten Lkw-Reifen. Die Bedienung wischte den Tresen ab. Sie gab sich erkennbar Mühe, nicht zu Bob, dem Star, herüberzublicken.
Warum müssen wir uns eigentlich dauernd in diesem Diner treffen, wunderte sich Bob still. So ein Diner ist ja pittoresk, sicher auch ein cooler Ort; aber für eine Serie, die in Deutschland spielt? Ist er irgendwie doch auch ein ziemlich unpassender, unrealistischer Schauplatz … Es war sonst wahrlich nicht Bobs Art, die Entscheidungen der Regie in Frage zu stellen. Aber seit die Zuschauerzahlen dermaßen in den Keller gesackt waren, betrachtete er vieles mit anderen Augen … Endlich kehrte der Kritiker zurück. Er quetschte sich wieder in seine Sitzbank. Dabei furzte er leise.
Tschuldige, sagte er. Konnte echt nicht mehr. Er rieb die Hände aneinander. Okay, wo waren wir stehen geblieben? Mit der Welt zurechtkommen, darum ging’s, oder?
Sicher, fuhr Bob, Profi, der er war, mit unmerklichem Nicken in seinem Text fort, das Liebesbedürfnis (oder sagen wir vielleicht besser: die kindische Eitelkeit des Künstlers) spielt auch eine Rolle. Aber um die Liebe seiner Mitmenschen zu erringen, da gibt es doch erfolgversprechendere, näherliegende Strategien als das Schreiben eines Romans! Wenn einer nur den Beifall abgreifen wollte — der schriebe nie und nimmer einen Roman. Der würde doch Schauspieler! Oder Musiker!
Der Kritiker mahlte nur mit den Kiefern. Er sagte nichts mehr. Die Augen hinter seiner dunklen Brille glitzerten. Er wandte den Kopf zur Seite, und in den Brillengläsern sah Bob den kleinen pickenden Vogel sich spiegeln.
Es geht beim Schreiben ja auch um Selbstermächtigung und Ausdruckslust, sagte Bob. Und um Not. Um Verzweiflung. Um Angst. Es geht nicht nur um eine Beziehung, sondern auch um etwas, das vor der Beziehung liegt. Daher doch auch der Erfolg der modernistischen Ästhetiken bei Literaten. Es waren halt Autoren-Theorien. Sehr solipsistisch, sehr autonomistisch, sehr egozentrisch – und deswegen besonders verlockend.

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