Scham – ist das heute nur noch ein anatomischer Begriff?

Juni 15th, 2011 § 19 Kommentare

Der Begriff „Fremdschämen“ macht Karriere, ist beinahe schon in den Wortschatz eingeschmuggelt worden von unzähligen Kommentatoren und Glossisten. Wirklich überzeugend ist er ja nicht, auch wenn er so nach spitzer Feder klingt. Scham bezieht sich nämlich per definitionem nicht immer nur auf mich selbst: Wer kann sich denn immer nur für sich selber schämen? Natürlich schämt man sich auch mal für jemand anders. Das passiert den Besten. Nicht umsonst heißt es: „Ich schäme mich deiner.“
Noch bizarrer ist, dass manche sich für irgendwelche Regierungssprecher, Schauspieler oder Kanzlerinnen fremdschämen. „Ich schäme mich für dich fremd“ — das ist ein bisschen tautologisch, könnte man argumentieren, als Wortklauber … aber wenn man den diagnostischen Gehalt einer solchen Prägung untersucht, was entdeckt man dann? Dass der Terminus „Fremdschämen“ auf ein paradoxes Näheverhältnis hinweist. (Ich lasse jetzt den narzisstischen Aspekt der Sache mal ausgeklammert; ganz klar — wer Scham nur noch auf sich bezieht, der denkt auch nur noch an sich selbst, empfindet nur noch für sich selbst.)
Der Fremdschämer fremdschämt sich ja meist für eine Figur in den Medien, seltener für einen Nachbarn (der bekommt was aufs Maul). Das Pikante an der Sache ist, dass man keinen Grund hat, sich für jemanden zu schämen, mit dem man nie im Leben Berührung haben wird, der für einen selbst also im Grunde irreal bleibt. „Ich schäme mich für das, was die Kreuzritter im Mittelalter angestellt haben“ – eine irre Formulierung, als Gedanke, als Gefühl gar unhaltbar. Wenn ich aber sage: „Ich fremdschäme mich für Oliver Pocher“ — ist dann gemeint: Ich übernehme seine Scham, ich lade seine Scham, unter der er zu leiden nicht bereit ist, auf mich? Ich trage die Scham der Welt?
Oder bringt das Wort vom Fremdschämen zum Ausdruck, dass der sich fremd Schämende zwar weiß, dass es Quatsch ist, es zu tun, gleichwohl aber die Patzer der Fernsehfressen als Familienvorgänge interpretiert? Onkel Uli Wickert redet wieder mal Blödsinn? Tante Angela Merkel freut sich hämisch in aller Öffentlichkeit über die Ausschaltung eines Terror-Masterminds? Cousin Jens Lehmann pisst hinter die Spielfeldbande? Und das Präfix „Fremd-“ brächte dann das Bewusstsein der Unangemessenheit und Absurdität dieses speziellen Schamgefühls zum Ausdruck, seine, ja, wie auch sonst: Fremdheit? Darum auch wird Fremdscham zwar gern geäußert, aber nie empfunden. Denn regelmäßig „hätte man sich am liebsten fremdgeschämt“, so wird gewöhnlich formuliert – der Kommentierende hat sich aber dann doch nicht geschämt. Er hat sich nur fremdgeschämt, also gar nichts.
Und insofern bezeichnet „Fremdschämen“ eine Empfindung, die es nicht gibt, die nur zum Zwecke des Glossenschreibens fingiert wurde und darum aus dem Wortschatz auch wieder gestrichen werden könnte. Womit ich mich samt diesem Text einmal um mich selbst gedreht habe, um hinterher so klug zu sein als wie zuvor. Trotzdem danke für Ihre Aufmerksamkeit!

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§ 19 Antworten auf Scham – ist das heute nur noch ein anatomischer Begriff?

  • Phorkyas sagt:

    Jawoll! Völlig überflüssig.
    Dieser Begriff ist doch nur Maske dafür, um etwas kultivierter auszusehen, wenn man mit dem Finger auf andere Leute zeigt: Boah ist der peinlich! Dabei ist man selbst etwas verschämt, offen zu spotten. Ach Leute, nehmt doch wieder euren Mut zusammen und sagt einfach mit Nelson: Haha!
    (http://www.animaatjes.de/bilder/l/lachen/nelson-haha.gif )
    (Dann müsste ich mich nicht so für euch schämen..)

  • blogozentriker sagt:

    Aber sind die meisten Anlässe fürs (nichtexistente) Fremdschämen nicht eher ein Fall für Homer Simpson? “L-A-N-G-W-E–I-L-I-G!”?

  • Schön! Auch wenn ich noch nicht wissentlich über die Wortkreation gestolpert bin. Eigenartig eigentlich.

  • Phorkyas sagt:

    Des is wohl wahr (s.a. unteres Zitat).
    Könnte sein, dass du partiellen Überlapp hast, mit dem was der Reents da mal schrieb?
    http://www.faz.net/artikel/C30108/fremdschaemen-scham-als-volkssport-30096318.html
    dem konnte ich auch weitestgehend nur zustimmen..
    Aber leider werden solche Wörter verwendet und somit Teil der Sprache, auch wenn es bei mir dann ein schmerzhaftes Zucken verursacht, wenn der
    Saboczynski da schwurbelt:
    “Die volkskitschige Verehrung, die mit dieser Entwicklung dem Herrscherpaar entgegengebracht wurde (allerlei pompöser Kult um Sisi oder Luise von Preußen), hatte für feinfühlige Beobachter stets etwas Peinliches, etwas zum Fremdschämen Einladendes.”
    (Ich mag ja z.B. “Gutmensch” nicht oder “Wutbürger” – da krieg ich immer die Krätze und bezeichne mich, weil es ja abwertend gemeint ist, gleich als solche – aber ich werd’ ja nicht gefragt und so haben beide Begriffe schon längst Einzug gehalten ins Feuilleton)

  • blogozentriker sagt:

    Ich glaub nicht, dass ich das damals gelesen habe, da ich die FAZ nur ausgesprochen selten lese … aber dass es Überlapp gibt, ist wohl unvermeidlich im Feuilleton! Anders wäre es, wenn ich mich zu einer Verteidigung des Terminus “Fremdschämen” aufgeschwungen hätte! Was ich, anders als Reents, aber sehr explizit mache, ist ja, dass es sich bei dem Artikel vor allem um eine Stilübung handelt, um ein übermütiges Ausreiten des sprachlichen Steckenpferds. Das ist DEFINITIV ein Unterschied, der den Unterschied macht! (U. a. soll dieses Übermütig-Aufmüpfig-Hüpfende ja auch darauf hinweisen, dass es eigentlich nicht angeht, aus so einer Luftnummer einen ganzen Artikel zu machen, und dann — bewahre! — noch in einem Welt- und Staatsblatt wie der FAZ!)

  • Phorkyas sagt:

    Nene, ich meinte ja nur inhaltlichen Überlapp. Dass du den Artikel/Glosse nicht kanntest, nahm ich an. Bei mir is die Erinnerung auch so dunkel, dass ich mir nicht sicher bin, wie und wo ich ihn schon gelesen habe – wenn ich ihn gelesen habe, war´s glaube ich nur eine Glosse, daher wär´s wohl OK, dass das im Blatt stand – dass dein Text spielerischer ist stimmt. Manchmal wünschte ich mir das in der Zeitung auch. Gerade in einer Glosse kann man doch viel machen – besonders die “Gesellschaftskritik” im Zeitmagazin war mir da mehrfach als besonders mies ins Auge gestochen für die Flachheit des Gegenstandes (das worüber die Leute sich wohl fremdschämen). Nicht umsonst stammt vielleicht das Zitat vom Saboczynski daraus. http://www.zeit.de/2009/12/Gesellschaft-12 – hmpf, jetzt find ich natürlich keine besseren Beispiele – die könnten doch was sarkastischer, aufmüpfiger schreiben, anstatt da über Sockenfarben oder ähnliches zu diskutieren, denn sonst muss man sich ja für diese Rubrik schon schämen.

    Egal. Glücklich wer solche Begriffe nicht hören muss, wie mete.

  • blogozentriker sagt:

    Du bist, Phorky, wirklich ein Gutbürger. Und ein Wutmensch! Soboschwielski zeigt, dass ein Sodann noch keinen Stil macht! Auf der anderen Seite, was soll man über einen Idioten wie Boris Becker denn auch sagen? Dass in dem ungläubigen Staunen darüber, dass er wieder auf den Medienoberflächen sein dämliches Gesicht zeigt, sein Geschäftsprinzip besteht? Das haben andere schon, und besser als ich hier, gesagt.

    • Das ist ja wirklich empörend! EMPÖREND! Was hier geschrieben wird! Ich kündige mein Abo, nein ich zerfetzte es, ich…!

    • Phorkyas sagt:

      Natürlich bin ich ein langweiliger Gutbürger – dazu stehe ich.
      Ich weiß auch nicht, wie ich als Redakteur reagieren würde, müsste ich über Boris Beckers Bettgeschichten was schreiben: “Nö, blöd.” – Mehr Worte wär das doch nicht wert. – Aber mann könnte es natürlich auch auf Romanlänge dehnen, so ein implodierendes Nichts, das nur um sich selbst kreist, um einem dann als letztes den Stinkefinger zu zeigen…

      Wer is denn Sobochwielski und was ist dessen “Sodann”?
      (Ich werde aber versuchen, nicht weiter so haltlos vor mich hinzuplappern.. Genug.)

      • blogozentriker sagt:

        Veranstaltest Du eigentlich auch öffentliche Selbstgeißelungsevents? — Ich meinte den “Schwurbeler” (Phorkyas) Saboczynski, der, um die Ironie ins Unerträgliche hochzuschrauben, ein beinahe monarchisches “Sodann” in seinen Text über das ordinäre Promipack einflicht.

  • blogozentriker sagt:

    Ich würd aber das bei Phorky kündigen. Denn ICH hab ja gar nichts gesagt!

  • Phorkyas sagt:

    Ich dachte mit Abo-Kündigungen drohte man eher als Leserbriefschreiber bei Zeitungen. – Und hier beim Blogo-Abo erwartet man doch eher das Gegenteil: abonniert man den nicht gerade wegen der zünftigen Beschimpfungen (wahlweise eben auch den sadomachistisch-gutwutbürgerlicher Kommentator).

    Wer hier was, wie gesagt hat weiß ich auch nicht mehr. Laut Blogo arbeite ich wohl schon als saboschwulstiger Texteschwurbler bei der Zeit (ich nehme den Job an) – außer, dass ich für die vielleicht noch etwas zu verwirrt schreiben würde.

    • Ich wurde damals mit dem folgenden Werbespruch geködert und auch gefangen: “Sie wollen etwas Schräges? Richtig schräg? Dann lesen Sie den Blogozentriker.”

      Das war richtig gut gemacht, der Schriftzug blinkte in Neongrün. Ich weiß nicht warum sie das wieder ‘rausgenommen haben. Schade, eigentlich. Aber es geht ja alles den Bach hinunter.

  • blogozentriker sagt:

    Der neue Claim lautet: “Von Idioten erdacht. Von Idioten gemacht. Von Ihnen gelesen.”

  • blogozentriker sagt:

    Du machst es Dir aber einfach!

  • blogozentriker sagt:

    Weil Du so überhaupt nicht INHALTLICH argumentierst!

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