Johnny Kröger II
Juni 26th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Wie ein Zombie lief er durch die Welt nach seinem Herausschmiss. Nahm, aus alter Gewohnheit, die NEGATIVE DIALEKTIK in die Hand. Las ein paar Zeilen darin, oder sagen wir: schickte seine Augen diese paar Zeilen entlang. Verstand kein Wort. Adorno. Er fragte sich, warum er so etwas überhaupt je angeschafft hatte. Ging in den Keller, fand sich dann unten, vor dem Regal, mit der großen Frage in seinem leeren Kopf: Was wollte ich hier noch mal? Weder verzweifelt noch stolz. Irgendwie dumpf. Einer, den man aus dem Ressort gejagt hatte, weil ein Jüngerer, Federfertigerer aufgetaucht war. Einer, der sich mit dem Leiter des Feuilletons einfach besser gestellt hatte. Einer, der kuschte. Der machte, was man ihm sagte. Der nicht lange fragte. Er, Johnny Kröger, war ja noch alte Schule. Immer alles hinterfragen. Erst mal ein Fragezeichen setzen. Vorliebe für schwierige Formulierungen, für einen pessimistischen Tenor. Das war einfach früher so gewesen! Früher hatte man alles beschissen gefunden. Wahrscheinlich, weil alles ganz okay gewesen war. Und aus demselben Grund, nur umgekehrt, fand man heute alles super. Grandios. Toll. Geil. Weil der Zug ganz unverkennbar in den Abgrund raste. Fraglich, ob da überhaupt noch Schienen waren, ob man sich nicht längst im freien Fall befand … Nein, tobte der Stellvertretende Leiter des Feuilletons, als er den neuen Text las, den Johnny, diesmal als Freelancer, eingereicht hatte. Sehen Sie, Kröger? Jetzt fangen Sie da schon wieder mit an! So eine Scheiße! Können Sie denn nicht mal was Positives schreiben? Was Bejahendes? Der Boss reißt uns beiden den Kopf ab, wenn ich ihm das so vorlege! Machen Sie das gleich alles noch mal, aber mit einem Lächeln im Gesicht! Johnny sagte: Soll ich an einen Smiley denken beim Schreiben, oder was? Der Stellvertrete Ressortleiter sagte: Gute Idee! Ja, machen Sie das! Probieren Sie das mal!