Fahrrad geklaut
Juni 29th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Alexander der Große hatte ein Lieblingspferd. Bukephalos. Mit diesem Streitross warf er sich den Persern entgegen bei Issos, Tyros und Gaugamela, in aussichtslosen Situationen, die nur durch Waghalsigkeit zum Guten gewendet wurden. Diesen Streich wiederholte er viele Male, bis er ein Reich erobert hatte. Sein Herz hing an dem Vierbeiner; das wird man leicht nachvollziehen können. Vielleicht kann man es umso leichter, wenn man sich vor Augen hält, dass Gerüchte, Alexander sei an der Ermordung seines Vaters, Philipps II., beteiligt gewesen, bis heute nicht verstummt sind. Bukephalos war mithin das einzige Wesen in Alexanders Nähe, auf dessen Loyalität er felsenfest bauen konnte. Sogar seinen engsten Freund, den so tief verehrten, geliebten Hephaistion, tötete er auf dem Höhepunkt eines wilden Zechgelages, bei einem Streit.
Eines Morgens aber, als Alexander, wieder einmal brutal gesoffen habend (seinen Status als primus inter pares zu behaupten, bedurfte es auch abseits des Kampfplatzes immenser Nehmerqualitäten, waren die Makedonen doch eine wilde Horde), hinaustrat auf den platt gestampften Vorplatz, auf dem er seinen Bukephalos zu finden erwartete (und erwarten durfte), fand er dort nur platt gestampftes Terrain vor. Das Tier war weg.
Bukephalos, rief er, was auf Deutsch heißt: Ochsenkopf. Keine Reaktion. Kein Wiehern, kein Scharren der Hufe. Still brannte die morgendliche Sonne auf den indischen Subkontinent herab. Alexander kämmte sich mit beiden Pranken das klebrige dunkle Haar hinter die Ohren. Er blinzelte.
Verdammt, sagte er mit heiserer Stimme, wer hat mir denn mein Pferd geklaut?