Wein, wenn du kannst!

Juni 30th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Nun schleppte Phorkyas sich keineswegs ungebeutelt aus dem „Da Capo“, dem Lieblingsitaliener von Bob Macha. Grund war vor allem des Letzteren recht kurzfristige Entscheidung, auf den sauren Verzicht einstweilen noch zu verzichten, um in die wirklich postalkoholische Phase seines Lebens erst ein paar Stunden später (es sollten Monate werden) einzutreten. Sie hatten also Weinflaschen gekillt, Bob und Phorkyas, erst eine, dann zwei, dann drei, dann vier, dann war das Bereich der höheren Mathematik erreicht gewesen, und Bob Macha hatte ganz ernsthaft gemeint, gern könne man bei ihm in der Bude noch weiterzechen, als Felipe, der Chef des „Da Capo“, mit italienischer Inbrunst irgendwann gegen drei um Schonung und Heimgang bat. Nein, nein, hatte Phorky-Baby, wie er inzwischen genannt wurde, gefleht, er solle lieber schnell ins Bett, ihm sei all der rote Wein in die grauen Zellen geschossen wie ein Kugelblitz, ihm gehe es gar nicht gut, seltsame Halluzinationen suchten seinen flackernden Geist bereits heim, er komme sich schon vor wie ein postmodernes Romanprojekt … doch Bob Macha lachte und winkte ab, nein, nein, keine optische Täuschung, nix Alkohol: er habe wirklich drei Beine! Das sei bei ihm, so Macha munter, ein Geburtsfehler. Zum Glück könne er das dritte wie die zwei anderen benutzen. Er trippelte zur Illustration. Einen Beinschuss bei mir zu applizieren, grölte Bob Macha, eine öffentliche Ruhestörung in schmaler Seitenstraße, das war gar nicht so einfach! Beinfach, witzelte er hinzu, hahaha! Einfach, beinfach … und weg war er, hatte sich davon gestelzt auf drei wieselflinken Beinen, man wusste nicht, wohin.
Endlich entkommen, stützte Phorky-Baby, vormals Phorkyas, sich an der dunklen Backsteinwand ab. Ihm war speiübel. Da ohnehin ein empfindliches Gemüt, glaubte er, sein letztes Stündlein möchte geschlagen haben, als ihm eine Hand fest auf die Schulter langte.
Er fuhr herum: Ja, wer …
Nur die Ruhe, mein Junge.
Ein breiter Schatten, kantig und hoch, wie ein Denkmal, das von seinem Sockel gestiegen war, um harmlose Passanten zu erschrecken, ein dämonischer Zeitvertreib.
Wer sind Sie?, fragte Phorkyas mit zittriger Stimme.
Der Mann nahm unglaublicher Weise in tiefster, mondloser Nacht seine Sonnenbrille ab. Seine Augen leuchteten. Sie leuchteten golden.
Nenn mich Johnny, sagte er.
Johnny?
Johnny Kröger.

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