Take 5 (+ 20)
Juli 1st, 2011 § 5 Kommentare
Ausgerechnet diese beiden Vögel!
Georg regte sich furchtbar auf, aber die Praktikanten Morris und Olaf verzogen keine Miene. Stur liefen sie weiter den Flur des Blogozentrikers hinab, 82. Stock im Cyclops Media Tower, südwestliche Richtung auf Auslegeware Schlinge Anthrazit. Sie waren voll von dem krampfhaften Bemühen in Anspruch genommen, nicht in die Kamera zu blicken.
Wie konnte Bob nur metezilometer, nein, metephyisognoma, nein, metedings, metepsychodilemma … wie auch immer der Knabe heißt, wie konnte Bob ihn und diesen Phorky als seine Nachlassverwalter bestimmen? Und warum, wenn mir das bitte mal einer erklärt — Georg blieb stehen, was die beiden Praktikanten veranlasste, ebenfalls stehen zu bleiben, mit hyperkonzentriertem, beinahe flehentlichem Blick, weil sie diese Einstellung jetzt bitte nicht auch noch zum 25. Mal abdrehen wollten …
Sie können sich, verehrter Leser, liebe Leserin, sicher lebhaft vorstellen, wie oft Georg bereits die Textpassage “metezilometer, nein, metephyisognoma, nein, metedings, metepsychodilemma” in den letzten Stunden verhauen hatte. Probieren Sie es einmal aus, sprechen Sie diese paar Wörter laut vor sich hin … gar nicht so einfach, was? Und jetzt auswendig! Und dabei noch in festgelegtem Tempo einen grell ausgeleuchteten Flur voller Leute hinablaufen (Beleuchter, Kameracrew, Tontechniker), mit einem brühheißen Plastikkaffeebecher in der Hand und zwei vor Überambitioniertheit leichenstarren Praktikantenstatisten an der Seite, die von Take zu Take ungeduldiger und mürrischer werden … kein einfacher Drehtag für Georg, aber auch nicht für Johnny Kröger, der, da er das Drehbuch geschrieben hatte, von Bob Macha dazu verdonnert worden war, auch die Regie zu übernehmen.
Wenn du schon mein Geld nimmst, so Bob Macha, dann tu auch was dafür!
Kurze Einführung: Worum geht’s? Bob Macha war, so sah es das Skript vor, gestorben. Hinterlassen hatte er Regale voller Notizbücher, die zwar von vorn bis hinten vollgeschrieben, aber ungelesen waren. Und Macha war auch nie daran gelegen gewesen, dass jemand diese Aufzeichnungen wirklich las. Es waren einfach Übungen der Stille, meditative Unrast. Wie Leute beim Telefonieren auf ein kariertes Blatt zeichnen, nicht für die Ewigkeit, sondern für den Augenblick. Dann reißt man das Blatt vom Notizblock und zerknüllt es, gern mit einem ironischen Schmunzeln: Was hat mein Unterbewusstsein sich DABEI wohl gedacht?
Und warum, wenn mir das bitte mal einer erklärt, Georg nahm wahr, dass ihn die beiden Schauspielpartner panisch anstarrten (bitte, bitte, patz jetzt nicht, lass uns diese Szene in den Kasten bringen, und dann heim), warum denn in einer U-Bahn-Station? Was ist das für eine Ortswahl? Ist eine U-Bahn-Station, die Kamera ging jetzt von der Halbtotalen in elegischer Langsamkeit in die Nahaufnahme über, und die Kamerafrau wagte kaum zu atmen, während sie heranschwebte, ist eine U-Bahn-Station der würdige Ort für eine Schau des Lebenswerkes eines Mannes, der immerhin Zeitschriftengeschichte geschrieben hat? Indem er jahrzehntelang ein Online-Magazin herausgab, das buchstäblich keinen einzigen Leser hatte, dafür aber Legionen von Praktikanten verschliss? Und dann noch die Frage des Titels: GESAMTKUNSTWERK DES SCHEITERNS. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bob Macha, auch wenn er ein beschissener Idiot war, mit diesem Titel einverstanden gewesen wäre. Seine Notizbücher in einer U-Bahn-Station, und darüber in Leuchtschrift GESAMTKUNSTWERK DES SCHEITERNS — das wäre sogar unserem ollen Bob etwas zu plakativ gewesen. Auf so eine Idee kommt wirklich nur einer wie metepsilonema oder Porky … VERDAMMT!
Die Statisten drehten synchron ihre Gesichter in Richtung Kamera.
Es war keine Hoffnung mehr in ihren Mienen.
Phorky, sagte Johnny Kröger, der hinter der Kamerafrau stand, leise. Der Typ heißt leider Phorky, und unsere Leser nehmen es genau.
Also noch mal? Den ganzen Take?
Johnny Kröger sagte: Kurze Pause.
Georg betrachtete die Oberfläche seines Kaffees. Er fragte sich, warum sie ihm für jeden Take einen neuen brühheißen Becher anschleppten, an dem er sich die Finger verbrannte. Resignation, ja — davon könnte man sicher irgendwie sprechen.
Die Kamerafrau sagte nichts. Sie sah nicht auf. Sie brachte ihre Kamera in Ausgangsposition.
Ich muss pissen, sagte Olaf.
Wo isser denn der metezilometer, nein, metephyisognoma, nein, metedings, metepsychodilemma? – Ts, der Grieche wirkte doch sonst so zuverlässig wie seine Geometrie -
Ich glaub’, ich muss den Praktikanten zustimmen – ausgerechnet diesen Vögeln. Nein!
Und dass Bob Macha jetzt.., nachdem ich nur einmal mit ihm Zechen durfte, Nein! (Und diese Aufgabe, nein, das wäre doch ein bisschen zuviel für meine Matschbirne.)
Griechen sind, wie zur Zeit wirklich JEDER sehen kann, nachlässig und faul (obendrein auch noch verschuldet).
Und dass man diesen beiden Komikern … aber es war ja nur im Film (wäre doch zu schön gewesen – ich meine natürlich nicht Bobs Tod!).
Puh…
Aber gut, dass du gekommen bist. Alleine mit dieser vielköpfigen Hydra gehen mir noch alle Realitätsebenen flöten – bin wohl leider nicht so immung gegen Ophiotoxine.
Du bist nicht WAS gegen WAS?
Mr. (Mrs?) Google leads the way.
In every case? In every case.