Sartre kam nur bis Mainz

Juli 2nd, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Diese Gelegenheit müsse man nutzen, meint Nils Budde. Womöglich sei es das letzte Mal – Nils Budde zieht an seiner Zigarette, legt die Pranken zurück auf seine Knie – das letzte Mal, dass sich diese Gelegenheit biete. Gelegenheit, fragt der Interviewer. Ja, Gelegenheit einer Revolution, bestätigt Nils Budde. Budde zieht wieder an der Zigarette. Es ist die fünfte, die er sich angesteckt hat während des Interviews. Er ist weder vergnügt noch betrübt. Wie ein Orakel bringt er seine Sätze vor. Budde gilt vielen als der letzte ernst zu nehmende Repräsentant zeitgenössischen deutschen Denkens; einen „Sartre von Mainz“ hat ihn einer dieser unseligen Dummköpfe, die unbegreiflicherweise immer Einlass in einflussreiche Feuilletonredaktionen finden, genannt. Was das Rauchen anbelangt, stimmt das Mot. Auch der Mainzer Jean-Paul Sartre achtet seiner Gesundheit nicht. Unsere Gesellschaft, sagt Budde, ist dicht, ist total verhärtet. Wie ein verstopfter Darm. Da ist bald alles aus. Da muss man gucken, sagt Budde, dass man sein letztes Kackklümpchen raus bekommt, solange es noch geht. Der Interviewer nickt. Er guckt komisch, aber er nickt. Er hat sich jetzt gleichfalls eine Zigarette angesteckt. Er sitzt vor Buddes Bücherwand. Immer wieder dreht er sich um, weil sein Blick, aus gänzlich unbekannten Gründen, an dem Schriftzug: HOBBES. LEVIATHAN hängen geblieben ist. Er kann seinen Blick davon nicht lösen; sobald er den Blick löst, überschwemmen ihn üble Gefühle, eine ungreifbare Angst. 34 Jahre bin ich jetzt, denkt er, ein gestandener Mann, Journalist, auch schon in Jurys erfahren. Und jetzt der paranoische Gedanke, die Welt werde untergehen, wenn er sich nicht gleich NOCH EINMAL umdreht, um diese Buchstabenfolge mit den Augen abzutasten (von „Lesen“ kann man ja wahrlich nicht sprechen, es ist ein eigentlich blindes, angsterfülltes Starren): HOBBESLEVIATHAN. Diese Buchstaben versucht er sich in die Schädeldecke einzubrennen, wie eine Beschwörungsformel. Als wäre das ein Schatz, den er auf ewig mit sich führen will. Ohne diese Botschaft, flüstert etwas ihm zu, etwas von innen, wird alles verloren sein. Später wird er sich fragen, ob diese würgenden Ängste in ihm hoch gekrochen sind, weil Budde mit solcher Nonchalance ein Szenario von äußerster Düsternis und Ausweglosigkeit geschildert hat. Zigarette rauchend, kaum aufblickend, seine Sätze wie gestanzt, wie von einem Teleprompter abgelesen. So sprach Budde von einem Ende, das ihn nichts mehr anzugehen schien, ihn, den verehrten Meister, den Vordenker und Übervater akademischer Tugendhaftigkeit. Wäre da nicht jeder wahnsinnig geworden?

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