Das Geheimnis der IV

Juli 3rd, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Wer schon einmal eine Bahnhofsuhr, beispielsweise, näher ins Auge gefasst habe, erklärte Georg Baur, als Gastredner nach Stanford geladen, um mit einem „verbalen Querschuss“ für geistige Auflockerung zu sorgen nach dem schweren Bankett und dem vielen Wein (so hatte sich der Präsident der Eliteuniversität, Aaron X. Zimmerman, bei der Vorbesprechung in etwa ausgedrückt), wer also so eine Bahnhofsuhr – aber gern auch jede andere Uhr mit lateinischer Zahlenangabe – eingehend betrachte, werde feststellen, dass die Macher an einer Stelle signifikant gepatzt hätten.
Niemand im Auditorium wagte zu atmen. Fehler bei der Herstellung von Uhren? Einige Zuhörer rückten vernehmbar mit ihren Hintern über die Sitzflächen, Ausdruck von Nervosität. Sägte Georg Baur, das Enfant terrible, hier etwa an ihrem Fundament, indem er die Weltordnung in Frage zu stellen versuchte? Denn wenn man dem Raum-Zeit-Kontinuum die Zeit abspenstig machte, purzelten dann demnächst nicht womöglich auch all ihre in mühsamer Kleinarbeit erworbenen Privilegien in einen … jedenfalls: Dort, wo es in der lateinischen Numerologie korrekt „IV“ heißen müsse, erläuterte Baur, stände resp. stünde stets ein „IIII“. Was, das sei den verehrten Anwesenden natürlich bekannt (Baur ließ seinen verbindlichsten Blick über die Gästeschar schweifen), gegen die Zählweise der alten Römer verstoße. Diese hätten vier Is hintereinander nie und nimmer geduldet …
L-A-N-G-W-E-I-L-I-G, rief an dieser Stelle einer dazwischen, so ein Idiot, ein Astrophysiker, dem es immer nur ums Saufen und Fressen ging, sobald mal nicht seine Sterne im Mittelpunkt standen.
John, halt die Fresse, keifte ein Altphilologe, Herausgeber eines Standardwerks zur neronischen Gerichtsbarkeit, über die Festtafel zurück. Mich interessiert so ein Kram!
Ja, lass den Mann reden, meinte auch Philly O. Brian. Brian war ein wirklich putziger Vogel, von dem niemand so recht wusste, was er eigentlich unterrichtete; nur dass er brillant war, das stand außer Zweifel. Und dass er sogar zu einem Festbankett grob karierte Hillbillyhemden trug.
Georg Baur rückte seine Krawatte zurecht. Er fühlte sich in diesem Moment wie ein Galgenvogel. Er sagte: Ich verstehe Ihre Aufregung, meine Herrschaften. Sicher sitzen Sie auf heißen Kohlen; Sie möchten zu gern erfahren, warum es wohl nicht angängig war, die Buchstabenfolge IV bei der Beschriftung von Uhren …
Also, ich weiß nicht, wie ihr anderen das seht, aber mir ist das kackegal, sagte jetzt der Astrophysiker wieder, und auch Ernest Wilderling, der eingefleischte Bostonianer, der seit mehreren Jahrzehnten in Stanford für Creative Writing zuständig war und ausgerechnet im letzten Sommer eine von der Hauptstadtpresse ausgiebig gefeierte Neuübersetzung von Homers kriegerischem Troja-Poem vorgelegt hatte, erhob sich im Protest.
Ich werde mir diesen Stuss nicht mehr länger anhören, sagte er. Er sagte es mit einer Stimme, die Homer Ehre gemacht hätte.
Aber es ist wirklich witzig!, rief Georg Baur aus. Eine tolle Pointe! Wissen Sie, das IV, das war die Kurzformel für …
Die Türen des Festsaals wurden eingedrückt, die Feiergesellschaft polterte und tobte geschlossen hinaus auf den Flur, und in dem ohrenbetäubenden Getöse ging der Rest von Georg Baurs Satz leider unter.
Die ehrwürdigen Hallen von Stanford wurden an diesem Abend übrigens noch arg geschändet; ein beklagenswertes Vorkommnis, aus dem die Leitung hoffentlich die passenden Schlüsse ziehen wird. Eine solche Eskalation ist nicht tolerierbar!

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