Lutz

Juli 8th, 2011 § 2 Kommentare

Soll ich dir was sagen? Ich trinke jeden Abend ein Köpi. Wie damals, als wir uns kennen gelernt haben, in dieser Bahnhofsgaststätte. Erinnerst du dich daran?
Ob ich mich erinnere? Natürlich erinnere ich mich. Der Abend, als wir uns kennen gelernt haben. Der ganze Bahnverkehr war unter den Schneelasten zusammengebrochen. Wie sollte ich denn diesen Abend vergessen? Ich war erst morgens um fünf wieder in Berlin!
Ja, aber ich meine, das Köpi? Erinnerst du dich daran, dass es da Köpi gab?
Sie legte den Kopf schief, einige ihrer dunklen Haarsträhnen bogen sich nach außen. Köpi?
Das Bier. Ja. Er hob sein Glas. König Pilsener. Heute ein König.
Das ist doch aber ein Rostocker?
Ich weiß, klar. Die haben hier kein Köpi. Aber in Leipzig damals, in der Bahnhofsgaststätte. Da gab’s Köpi. Weißt du das nicht mehr?
Sie schüttelt leise den Kopf und lächelt. Weiß ich nicht mehr, nein. Keine Ahnung.
Ist schon komisch. Er schaut hinaus auf die Ostsee. Bedeutet mir ungeheuer viel, dieses Köpi jeden Abend.
Er sieht sie an, sie schlägt den Blick nieder.
Gut siehst du aus, sagt er. Und räuspert sich.
Danke. Du auch.
Ich bin dick geworden, was?
Sie nickt, ohne aufzusehen. Ein bisschen.
Er grinst. Das ist der Preis, den man für den gesellschaftlichen Aufstieg zahlt. Für die, vier Finger kratzen zwei Anführungszeichen in die Luft, Karriere. Übergewicht. Na ja. Er hebt das Glas. Gibt Schlimmeres, oder?
Sie lächelt. Ja, sagt sie.
Nachdem er getrunken hat, stellt er sein Bier wieder ab. Genau in die Mitte seines Bierdeckels. Er justiert das Glas noch ein wenig mit seinen plumpen Fingern, bis es genau richtig steht.
Das ist für mich ein richtiges Ritual geworden, sagt er. Jeden Abend ein Köpi. Das läuft immer gleich ab. Ich hole mir eine Flasche vom Kiosk und lege sie ins Eisfach, damit sie schnell kühl wird. Dann gehe ich die Post durch, und dann schenke ich mir den ersten Schluck ein. Herrlich. Ich habe das Gefühl, er räuspert sich erneut, dass es mir Glück bringt. Das Köpi bringt mir Glück. Ist ganz gut für mich gelaufen, die letzten Jahre. Ich bin Abteilungsleiter, habe die Aufsicht über zwanzig ziemlich geniale Typen, bringe was voran. Und irgendwie werd ich das Gefühl nicht los, dass es am Köpi liegt. Dass es irgendwie mit dem Köpi zusammenhängt …
Es macht sie verlegen, dass er dauernd von diesem Bier spricht. Sie bereut schon, ihn angesprochen zu haben. Dann den Abend lieber allein verbringen, als diesen sentimentalen Bierkarrierequatsch anzuhören!
Er hatte, dick und irgendwie verblödet wirkend, mitten in Prerow gestanden, eine einsame Figur, von der Sonne geplagt. Das Jackett über den Arm geworfen, die Ärmel hochgekrempelt. Sie war stehen geblieben. Sie hatte ihn beobachtet. Sie hatte gesagt: Lutz?
Zuvor waren sie beide im Naturkundlichen Museum gewesen, wie sie dann im Gespräch festgestellt hatten, im Natureum. Wahrscheinlich hätten sie sich sogar begegnen können, vor dem ausgestopften Seeadler oder dem Waschbären hinter Glas. Möglicherweise hatten sie sogar nebeneinander gestanden, wer weiß das. Sie hatten Seite an Seite in den ärmlichen Buchauslagen im Museumsshop geblättert und diese penetrante Mücke verscheucht. Denkbar. Fauna und Flora des Darß.
Endgültig aber waren sie sich vor einem italienischen Restaurant in die Arme gelaufen. Sie hatte ihn erkannt, wie er die Speisekarte studierte, den kurzsichtigen Kopf vorgereckt. Sie hatte ihm vorgeschlagen, ins “Restaurant Seeblick” zu schlendern. Das könnte doch nett sein? Mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf das Pizza-Angebot hatte er sich einverstanden erklärt. Blick aufs Meer. Natürlich.
Damals in Leipzig war es andersherum gewesen. Damals hatte er sie angesprochen. Hatte sie auf ein Bier eingeladen, weil sie, wie er sagte, so verzweifelt ausgesehen hatte. Das liege an ihrer Familie hatte sie, halb im Scherz, zurückgegeben. Wenn sie Weihnachten im Familienkreise verbracht habe, sehe sie immer verzweifelt aus. Mit gutem Grund, hatte sie noch hinzugesetzt, mit dem Köpi prostend.
Jetzt nippt sie an ihrem Weißwein, der kühl ist. Draußen schwebt eine Möwe über den Sand, tippelt kurz auf, schwingt sich dann wieder in die Luft.

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§ 2 Antworten auf Lutz

  • vau z sagt:

    Was für ein schöner, ruhiger Text. Beginnt hier der Bloggo in sich zu ruhen?

  • Judit Herrmann sagt:

    Hey, danke! Für das Kompliment. Und dafür, dass es Dich gibt! Ich bin superstolz, jetzt Teil des Blogo-Teams zu sein. Wir werden immer mehr. (Früher musste ich die Glückskekstexte texten.)

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