Engagier’ dich, Kamerad!
Juli 12th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Engagement? Aber ich engagiere mich doch!
Wofür? Für die Zigarren- und Whiskeyindustrie?
Für die Wahrheit, sagt Johnny Kröger. Ist das etwa nichts? Die Wahrheit, sagt er noch, während der Interviewer schon den Mund für die nächste Frage öffnet, die Wahrheit ist doch auch die Freiheit, das ist doch der Punkt!
Sie glauben also, dass die Wahrheit frei macht?
Der Interviewer blickt hinüber zu seinem Kameramann, um zu checken, ob die Aufzeichnung läuft. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, jemanden wie Johnny Kröger dabei zu filmen, wie er grundsätzlich wird? Das miesepetrige Enfant terrible der Literatur in einem Moment der Offenbarung?
Wissen Sie, was ich glaube? Johnny Kröger nimmt Haltung an. Ich glaube, dass es das Kränkste ist, was es überhaupt gibt, wenn man nur noch schreibt, damit man Auflage macht. Wenn man etwas Interessantes, irgendwie Draufgesetztes produziert. Das ist der Krebs der Literatur.
Das Gegenteil von Engagement?
Draufgesetzt aufs Nichts. Das ist dieses Zeug, wenn Sie mich fragen. Und dann setzt man auf das aufs Nichts Draufgesetzte noch mal was drauf. Und darauf dann? Was kann man da schon setzen? Eine infernalische Spirale der Hysterie.
Das ist der Betrieb … aber was wäre das Gegenmodell?
Natürlich sehe ich auch, dass es im Augenblick sehr schwer ist, etwas anzugeben, für das man sich überhaupt engagieren kann. Johnny Kröger streifte seine Zigarre am Rand des Aschenbechers ab; er sah nicht auf, wich dem prüfenden Blick des Fragestellers aus. Ich bin nicht vollkommen verblödet. Alles ist irgendwie desavouiert. Politik, Humanismus, sogar karitative Bestrebungen – alles wurde in ein Geschäft verwandelt. Und was braucht man beim Geschäftemachen ganz gewiss nicht?
Es gibt keinen Anstand mehr?
Ich glaube, das Problem liegt woanders. Ich glaube, dass wir einfach keine Probsteine mehr für unseren Anstand haben. Was ist Anstand? Wenn ich einem Penner fünfzig Cent in seinen Blechbecher stecke? Oder wenn ich einem Freund beim Umzug helfe? Für viele ist es ja schon eine ritterliche Handlung, für die sie sich am liebsten adeln ließen, wenn sie ihre Steuern bezahlen!
Wir wissen nicht mehr, wie viel Anstand in uns steckt? Meinen Sie das, Herr Kröger?
Ach, Scheiße. Was meine ich schon? Ich meine gar nichts. Ich meine übrigens auch nicht, dass ich ein Schriftsteller sei.
Johnny Kröger fühlte sich von der Frage in die Enge gedrängt. Er mochte es nicht, in moralischen Dingen in Haftung genommen zu werden. Dafür war sein Lebensentwurf selbst viel zu luftig. Er glaubte an die Notwendigkeit des Engagements – aber was hieß das schon?
Wir kommen heute auch ohne Anstand über die Runden, sagte er, das meine ich. Die Krankenversicherung ist wichtiger. Man braucht keine Solidarität mehr.