Re: Anfrage Artikel
Juli 12th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Für den Typen, der HOHLKÖRPER geschrieben hat
Alles fing an mit einer E-Mail. Ich wurde darin gefragt, ob ich nicht Lust hätte, eine Reportage über Georg zu schreiben, für eine Internetzeitung. Mit dem hätte ich doch eine Zeitlang sehr eng zusammengearbeitet?
Georg?, antwortete ich. Nein. Den hätte ich schon seit Urzeiten nicht mehr gesehen, auch wenn wir früher natürlich sehr vertraut gewesen seien … (Georg war damals dabei, richtig Karriere zu machen. Er bereitete sich, wie man den Medien entnehmen konnte, auf die Kandidatur für das Hamburger Bürgermeisteramt vor.) Meine Frau, die ich in der Sache befragte (immerhin hatte man mir ein ordentliches Sümmchen in Aussicht gestellt), meinte, ich solle lieber die Finger von dem Auftrag lassen.
Erinnere dich doch nur mal, sagte sie sehr ernst, wie viel es dich gekostet hat, das alles endlich hinter dir zu lassen. Ich halte es für besser, du wahrst da ein bisschen Abstand!
Ich sähe, schrieb ich also in meiner Antwort-E-Mail an die Redakteurin, die den Kontakt zu mir gesucht hatte, eine Frau Tröndle, leider keine Möglichkeit, noch einmal die für eine solche Recherche erforderliche Nähe zu Georg herzustellen. Sie möge mir das bitte nachsehen. Ich hätte private Gründe für meine Absage.
Stattdessen schlug ich der Dame vor, einen Artikel über Danny Schwarz zu schreiben.
Über wen? Die Redakteurin wusste mit dem Namen nichts anzufangen. Diesmal hatte sie mich auf dem Handy in unserem Haus in Irland angerufen; sie erklärte, Jonas Siggbjörn habe sie auf mich aufmerksam gemacht, so sei es überhaupt zu dem Angebot des Artikels über Georg gekommen. Jonas Siggbjörn, rief ich aus, um so besser; Jonas habe Danny Schwarz doch auch gekannt! (Jonas, erfuhr ich dabei, hatte gleichfalls Karriere gemacht; über diverse Jobs in der Medienbranche war er zum Chefredakteur der Internetzeitung aufgestiegen.) Ich erklärte dann kurz, um wen es sich bei Danny Schwarz handelte, wofür er stand etc.
Ja, sagte Frau Tröndle, sie müsse das natürlich mit den Kollegen besprechen, auch mit der Chefredaktion, mit Jonas.
Die Antwort verzögerte sich um eine Woche; man habe sich innerhalb der Redaktion nach langen Beratungen gegen einen Artikel über meinen Bekannten entschieden, hieß es dann sehr spröde, wieder per E-Mail; man sehe die Aktualität des Falles nicht. Eventuell sei das eher eine Sache für die Kollegen von den Printmedien?
Du wolltest einen Artikel über Danny Schwarz schreiben?
Meine Frau war regelrecht erschrocken, als ich ihr von meinem Vorstoß erzählte. Bist du denn wahnsinnig?, rief sie. Willst du dich umbringen, Bob?
Aber das einzige, was mir je geholfen hat, sagte ich und sah sie verzweifelt an. Als Schreibender gerät man oft in eine Situation, in der man denkt, wenn man sich jetzt von außen sähe, würde man sich für verrückt erklären, ohne zu zögern. Ich meine, sagte ich mit leichtem Stocken, nur das Aufschreiben hat mir bislang Linderung verschaffen können, Elena. Ist es nicht so?
Trotzdem. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Es ist Wahnsinn! Es ist halsbrecherisch, wenn du mich fragst. Was sagt denn Dr. Spielvogel dazu?
Ich habe mit ihm nicht darüber gesprochen. Bislang.
Warum nicht?
Hör zu, Elena, begann ich. Ich setzte mich ihr gegenüber, mit meiner Kaffeetasse. Sie war gerade dabei, das Mittagessen vorzubereiten; draußen hörten wir den Hund bellen. Ich holte weit aus: Ich habe schon so viele Anläufe unternommen, die Geschichte von Danny Schwarz zu erzählen. Als Story à la Puccinis LA BOHÈME. Das blieb stecken. Mit Georg habe ich dann einen wahnsinnsgewaltigen Plot entworfen, mit den irrsten Verästelungen, bis zu einem Ölprinzen von Baku und seiner privaten Rache am kapitalistischen System, bis zu Friedemann Maar, der ein gestohlenes Kunstwerk zu verschachern versucht. Und denk nur an diesen Unfug mit der Heldenreise! Wir haben uns damals sogar mit Cyclops Media angelegt, um in ein Thriller-Projekt von internationalen Dimensionen Danny Schwarz hineinzuschmuggeln. Ich habe in meinen Nachtstunden an einem Drama gebastelt. Aber all diese Versuche, habe ich gemerkt – und ich hab es wirklich erst jetzt gemerkt, Elena! – all diese Versuche liefen letzten Endes darauf hinaus, die Geschichte von Danny Schwarz zu verschleiern, zu verscherbeln — sie zu verschweigen!
Du konntest es nicht?
Ich zuckte die Achseln. Nein, sagte ich. Und es hat mich fast verrückt gemacht, wie du weißt …
Ich verstummte. Ich war einen weiten Weg gegangen seit damals, und ohne Elena hätte ich es niemals geschafft. Ich sah sie an, wie sie da saß in all ihrer hausfraulichen Glorie, und ich liebte sie über alles. Ich liebte sie so sehr, dass es wehtat, über meine Liebe zu ihr zu sprechen.
Du warst noch nicht so weit?, sagte sie leise und schlug die Augen nieder.
Ich sagte: Vielleicht war es eine Schnapsidee, eine Reportage über Danny Schwarz schreiben zu wollen. Da stimme ich dir zu. Aber irgendwas MUSS ich über Danny Schwarz schreiben!
Da sind diese ganze Kladden im Keller, in der Bananenkiste, sagte Elena.
Ja.
Sie sah mich prüfend an.
Geht’s darin um Danny Schwarz, ja?
Ich liebe dich, sagte ich mit trockenem Mund, weißt du das?
Wie sollte ich es nicht wissen? Sie grinste. Du machst kein Hehl draus, oder?
Ich rutschte vom Küchenhocker. Ich werde dann wohl mal in den Keller steigen müssen, oder?
Eine unvermeidliche Begegnung, sagte Elena. Sie lächelte mir zu.
Ja, sagte ich. Wie in DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER.
Sie lächelte.
Nimm einen Stift mit. Damit du dich zur Wehr setzen kannst.